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Forschung, Inklusion, Journalismus, Medien, MedienakteurInnen, Medieninhalte, Partizipation, Politik, Print, Radio, Studie, Wissenschaft

Presseförderung neu: Wie Qualitätsjournalismus messen?

symbolfotoDie Diskussion rund um die Presseförderung neu wird in Österreich breit geführt.

Die Journalistengewerkschaft will in ihrem Forderungskatalog weg vom „Gießkannenprinzip“ hin zu einer zielgenauen und mit konkreten Anforderungen verbundenen Journalismusförderung. Wesentliche Elemente sind das Einhalten des journalistischen Ehrencodex,  sowie von sozialpolitischen und arbeitsrechtlichen Standards. Berücksichtigt werden soll die Zahl der JournalistInnen, die Zahl der KorrespondentInnen, das Ausmaß der Beschäftigung freier JournalistInnen bei Einhaltung von Mindesthonoraren, die Intensität und Ausmaß von Aus- und Weiterbildung und Abschläge bei Verletzung von Gesetzen (insbesondere Medienrecht).

Der Kommunikationswissenschafter Matthias Kamasin fordert in einem Interview im Standard (16.9.2016) die Förderung von Qualitätsjournalismus. „Gefördert werden soll, was Wertschöpfung in Österreich ermöglicht und was demokratiepolitisch von Wert ist.“ Ein Satz, den ich zu hunderprozent unterschreibe, aber der in der Praxis sehr schwer umsetzbar ist. Wie lässt sich Qualität messen? Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht ist Qualität durchaus messbar.

Kamasin verweist in dem Zusammenhang auf die Studie „Qualität des tagesaktuellen Informationsangebots in den österreichischen Medien“ der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, die im Auftrag des Fachbereichs Medien der Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH (RTR-GmbH) erarbeitetet wurde. Analysiert wurden in der Studie Nachrichten-Angebote anhand von Qualitätskriterien wie Transparenz, Vielfalt, Relevanz und Professionalität crossmedial und systematisch in den vier Mediensektoren Tagespresse, Radio, Fernsehen und Online, insgesamt  24.612 Medienbeiträge im Jahr 2014. 15 Codierer haben daran gearbeitet. Aus meiner (kommunikationswissenschaftlichen) Sicht eine großartige, sauber gemachte Studie!

Doch eine ähnliche, wissenschaftliche Inhaltsanalysen für eine Presseförderung heranzuziehen? Diese Idee hat auch Schwachpunkte:

  • Medieninhalte auf Qualität kontrollieren?
    Im Rahmen eines derartigen Qualitätsjournalismus-Monitorings würden beispielsweise am Ende jedes Jahres geschulte Personen (möglichst breites Altersspektrum) anand eines umfangreiches Codierbuches ausgewählte Medieninhalte beurteilen. Es soll die Frage beantwortet werden: Haben jene Medien, die um Presseförderung angesucht haben, auch ausreichend Qualitätsvolles geleistet und daher Förderung verdient? Also eine Art Kontrollbehörde für Medieninhalte. Wollen wir das in Österreich wirklich haben? Da bin ich selbst als Kommunikationswissenschaftlerin skeptisch.
    Die Beurteilung der Texte wird natürlich immer vor dem Hintergrund des jeweils aktuellen, gesellschaftlichen Demokratieverständnisses durchgeführt und unterliegt der Interpretation des Codierers. In der Interpretation liegt bei allen Inhaltsanalysen die größte Herausforderung (insbesondere bei Variablen wie Objektivität, Diskursqualität etc.). Wenn hier nicht wissenschaftlich sauber gearbeitet (Intracoder- und Intercoder-Reliabilität), sondern politisch-ideologisch vorgegangen wird, dann werden hier eingefärbte Ergebnisse unter dem Deckmantel der Wissenschaft präsentiert. Das macht eine qualitative Analyse – auch, wenn sie wissenschaftlich völlig sauber erstellt wurde, in der Öffentlichkeit angreifbar und erzeugt in der Bevölkerung unbehagen. Die Alternative dazu sind klar „abzählbare“, leichter zu ermittelnde Parameter, die für eine Presseförderung herangezogen werden könnten, wie dies die Journalisten-Gewerkschaft vorschlägt (Anzahl der Korresspondenten im Ausland, Anzahl der angestellten Journalistinnen und Journalisten etc.).
  • Berufungsinstanz offen
    Offen ist auch die Frage, ob ein Medium gegen das Qualitätsjournalismus-Monitoring berufen kann? Wenn ja, wo? Wird dann eine Art Gegen-Gutachten erstellt, das Monitoring wiederholt?

Presseförderung an den Spruch des Presserats koppeln!
Qualitätsmessung hin oder her: Es wäre wohl in Sachen Qualität als erster Schritt höchst an der Zeit, dass ALLE österreichischen Medien im Österreichischen Presserat vertreten sind und damit die Sprüche dieses Gremiums anerkennen. Bei Verstößen gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse sowie bei Gesetzesbrüchen z.B. gegen das Mediengesetz (Kennzeichnungspflicht etc.) wären Abschläge oder bei groben Vergehen sogar die Einstellung der Presseförderung sinnvoll.

Qualität braucht eine klare Haltung der „Medienmacher“
Als größte Herausforderung im Zusammenhang mit Qualität sehe ich den enormen Zeitdruck auf den Journalistinnen und Journalisten durch das Ausdünnen der Redaktionen. Qualitätsvolle, gut recherchierte Berichte brauchen eben Zeit. Dieser Zusammenhang muss auch Führungskräften von Medienbetrieben klar sein. Wenn der News-Verlag 100 Stellen einspart, dann muss sich das auch auf die Qualität auswirken. Geht gar nicht anders.

Guter Journalismus braucht das Hinausgehen aus der Schreibstube und Zeit für persönliche Gespräche und Wahrnehmungen am Ort des Geschehens. Er beinhaltet auch das Risiko, dass sich eine Geschichte von der Faktenlage her als „zu dünn“ entpuppt und sich daher die investierte Zeit „nicht rechnet“. Das kann passieren. Der immense Zeitdruck im Redaktionsalltag ist meist auch das „Einfallstor“ für PR-Texte. Denn es liegt in der Natur der Wirtschaft und der Politik mit einer Heerschar von PR, Werbe-, Marketing und Presse-Personal JournalistInnen zu ihren Gunsten beeinflussen zu wollen. Um diesen Entwicklungen zu begegnen, müssen nicht nur JournalistInnen eine klare Haltung entwickeln, sondern vor allem auch die Führungskräfte in einem Medienbetrieb, zum Beispiel Chefredakteure und Geschäftsführer. Beide Instanzen haben immer wieder einen Zielkonflikt.

Es ist völlig unethisch, wenn sich ein Chefredakteur von einem Anzeigenkunden beispielsweise einladen lässt oder ein Geschäftsführer versucht, kritische Inhalte über einen Kunden zu unterbinden. Alles andere als qualitätsvoll ist es auch, wenn Medien als „Spezialservice“ anbieten,  Werbetexte ohne der Kennzeichnung (§26 Mediengesetz) „Anzeige“, „Werbung“, „entgeltliche Einschaltung“ im redaktionellen Teil der Zeitung „unterzubringen“. Das alles ist in manchen österreichischen Medienbetrieben „normal“. Es ist massiv demokratiefeindlich. Wenn Medienmacher von „oben“ Qualität und ethisches Handeln einfordern und selbst keine klare Haltung einnehmen, ist das sicherlich auch nicht qualitätsvoll. Über diese Entwicklungen wird aus meiner Sicht viel zu wenig gesprochen.

 

 

 

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Über Karin Zauner

Freie Journalistin, Kommunikationswissenschafterin

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