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Diskriminierung, Diversität, Fremdenfeindlichkeit, Inklusion, Integration, Narzissmus, Partizipation, Psychologie, Wissenschaft

Was hält uns zusammen?

SymbolbildWir leben in einer unglaublich bunten, vielfältigen Gesellschaft – geprägt von vielen Lebensstilen (Milieus), Wertesystemen, Kulturen, Religionen, Interessen sowie von rasanten wirtschaftlichen und technischen Entwicklungen. Viele Menschen spüren, dass sie den Überblick verloren haben. „Alles geht viel zu schnell“, sie fühlen sich in einem hohen Ausmaß fremdbestimmt. Dazu kommen Leistungsdruck, Ängste um den Arbeitsplatz, Perspektivenlosigkeit – und leider oft auch Armut.

Durch die neoliberale Wirtschaftspolitik werden die Wohlfahrtsstaaten Europas sukzessive abgebaut und ausgehungert. Weniger Sozialhilfe, Arbeitslosengeld, Kinderbeihilfe. Die soziale Ungleichheit steigt. Genauso wie der Frust über die Politik und das Gefühl, mit allen Problemen alleine gelassen zu werden. Internationale Zuwanderung führt in vielen Milieus zu Verlustängsten, Exklusion und Überforderung.

All dieses diffuse Unbehagen unserer Zeit verleiht radikalen, demokratiefeindlichen, menschenverachtenden Bewegungen Auftrieb und vermehrt Konflikte. Angesichts dieser Entwicklung, stellt sich die Frage: Was hält unsere Gesellschaft zusammen? Wie sieht das gute Zusammenleben in Vielfalt heute aus?

Zahlreiche WissenschaftlerInnen aus unterschiedlichen Disziplinen befassen sich mit dieser großen Frage des friedlichen Miteinanders. Ein spezieller Forschungszweig, die Desintegrationsforschung, versucht, verschiedenartige Phänomene wie Gewalt, Rechtsextremismus, ethnisch-kulturelle Konflikte zu erklären. Für die bekannten Desintegrationsforscher Reinmund Anhut und Wilhelm Heitmeyer markiert „Desintegration, die nicht eingelösten Leistungen von gesellschaftlichen Institutionen und Gemeinschaften, existenzielle Grundlagen, soziale Anerkennung und persönliche Integrität zu sichern.“ (vgl. Anhut/Heitmeyer 2005, 75)

Im Zentrum der Desintegrationsforschung (siehe Bielefelder Desintegrationsansatz, vgl. Anhut/Heitmeyer 2005, 84ff.) stehen die Anerkennung und soziale Integration des Einzelnen. Für ein friedliches Miteinander gilt es, das Problem der sozialen Integration auf unterschiedlichen Ebenen zu lösen:

  • Auf sozialstruktureller Ebene, die Teilhabe an den materiellen und kulturellen Gütern einer Gesellschaft (Arbeits-, Wohnungs-, Bildungs-, Wissens- und Konsummärkte) und dadurch die soziale und berufliche Wertschätzung (positionale Anerkennung). In anderen Worten: eine höhere Verteilungs-Gerechtigkeit.
  • Auf institutioneller Ebene der Ausgleich von konfligierenden Interessen – nach demokratischen, als fair und gerecht empfundenen Prinzipien (moralische Anerkennung). Wir brauchen also eine bessere (und belastbarere) Konfliktkultur.
  • Auf der personellen Ebene die Herstellung von emotionalen Beziehungen zwischen Personen zur Selbstverwirklichung, Sinnstiftung und für den sozio-emotionalen Rückhalt, um Sinnkrisen, Orientierungslosigkeit, Konflikte, Identitätskrisen, Beeinträchtigungen des Selbstwertgefühles zu vermeiden (emotionale Anerkennung).

Vor dem Hintergrund der islamistischen Attentate von Frankreich erscheint mir dieser Punkt von ganz besonderer Bedeutung. Denn es sind meist entwurzelte, nach Sinn suchende junge Menschen, die sich radikalen Bewegungen anschließen, Anerkennung suchen und „wo dazugehören wollen“. Sie sind für Extremisten „leichte Beute“. Oft haben diese Jugendliche auch Probleme, über ihre Ängste, Gefühle und Probleme zu reden.

An diesem Punkt möchte ich auf die Bedeutung von Kommunikation hinweisen. Vielfältige Gesellschaften brauchen dringend kommunikative Kompetenzen, um die Barrieren zwischen Gruppen abzubauen und Differenzen auszuhandeln. Sie lebt von empathischen, narzisstisch gesunden Menschen, die selbstreflexiv durch das Leben gehen. Diese haben es nicht nötig, sich Anerkennung „verdienen“ zu müssen (Maaz 2014, 16). Sie fühlen sich geliebt, sind innerlich gefestigt und können dadurch differenziert denken. Sie sind gegen Fundamentalisten und Gewalt nahezu immun.

Aus der Psychoanalytik ist bekannt: Narzisstische Störungen, wie beispielsweise das Gefühl von Minderwertigkeit („Ich bin nicht gut genug!“), von Unsicherheit und der Unfähigkeit zur Selbstliebe, entstehen in der frühen Kindheit. Sie sind die Quellen des Mitläufertums, des Opportunismus und der Mittäterschaft sowie der delegierten Verantwortung.

Dazu der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz:

„Gesellschaftlich wäre schon viel gewonnen, wenn die Bedeutung der frühen Kindheit akzeptiert und die Sozialpolitik die Betreuung von Kindern zur zentralen Aufgabe machen würde.“ (Maaz 2014, 216)

Wenn Kinder in einem liebevollen, sozialen Umfeld aufwachsen können und von Anerkennung vermittelnden Bezugspersonen, die Rückhalt bieten, durch das weitere Leben begleitet werden, dann ist letztendlich auch ein erster großer Schritt in Richtung friedliche Gesellschaft getan.

„Die narzisstischen Störungen entstehen in der frühen Kindheit. Dort liegt auch der Schlüssel für die gesellschaftliche Entwicklung.“ (Maaz 2014, 217)

Literatur:

Maaz, Hans-Joachim (2014): Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm. München: dtv.

Anhut, Reimund/Heitmeyer, Wilhelm (2005): Desintegration, Anerkennungsbilanzen und die Rolle sozialer Vergleichsprozesse. In: Heitmeyer, Joachim/Imbusch, Peter (Hrsg.): Integrationspotenziale einer modernen Gesellschaft. Wiesbaden: VS Verlag, 75-100.

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Über Karin Zauner

Freie Journalistin, Kommunikationswissenschafterin

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