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Diversität, Forschung, Fremdenfeindlichkeit, Inklusion, Integration, Studie, Wissenschaft

Was heißt in Österreich Familie? Was heißt Religion?

BaumIn ihrem Buch „Wir und die Anderen“ räumt Elisabeth Beck-Gernsheim (2007) mit vielen Vorurteilen gegenüber Immigrantinnen und Immigranten auf und kritisiert das rasche Urteilen und Bewerten von Fremden und Unbekannten. Sie beschreibt in ihrem Buch unter anderem die Phänomene der Re-Traditionalisierung und Re-Ethnisierung in der neuen Heimat.

Diskriminierungen und die Verklärung der „verlorenen Heimat“
In vielen Migrationsstudien werde immer wieder berichtet, dass viele ImmigrantInnen eine Re-Ethnisierung, eine Re-Traditionalisierung erleben. Es entstünden eigentümliche Formen von „Exil-Religion“ oder „Exil-Nationalismus“ (vgl. Beck-Gernsheim 2007, 23). Je ungastlicher und abweisender die neue Umgebung sich zeige, je mehr sie an Diskriminierung bereithalte, desto eher könne ein Rückzug auf die Herkunftsgruppe und deren Symbole einsetzen. Es entstünde eine Art „imaginary homeland“ im Kopf, das aus Phantasien und Träumen bestünde, romantisch verklärt.

3. und 4. Generation: Ethnizität als Hobby
Vor allem in der dritten und vierten Generation komme oft eine Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln auf – selbst, wenn diese Betroffenen bereits gut in die Aufnahmegesellschaft integriert seien. Nach Herbert J. Gans und Mary Waters wolle sich im Speziellen die dritte und vierte Generation von der Masse abheben und etwas Eigenes finden. Sie wollten jedoch ganz und gar nicht die starren Regeln und Pflichten oder den Gruppenzwang sowie die soziale Kontrolle ihrer Väter und Mütter erleben, sondern einen Hauch von Nostalgie, eine Prise Exotik, Symbole und Kleidung. Einfach anders sein. Die ForscherInnen sprechen von Ethnizität als Hobby, Freizeitartikel. Was nach außen als „wertkonservativ“ aussehe, sei – bei näherer Betrachtung – nur eine Art Lebensdekor.

In der Fremde werden Menschen oft „religiöser“
Religion spielt im Leben von ImmigrantInnen oft eine wichtige Rolle (ebd., 29). Im Exil gewinnen religiöse Bindungen oft an Bedeutung, denn im Aufnahmeland ist der Gottesdienst nicht nur eine religiöse, sondern vor allem eine soziale Veranstaltung. Die Kirche oder Moschee als Sammelplatz und Begegnungsort und eine Gelegenheit, den eigenen Erfolg (Statussymbole, teure Kleidung etc.) zu präsentieren. Ebenso gehen die Netzwerke der Unterstützung oft von Glaubensgemeinschaften aus.

In der Fremde wird die Familie wichtiger
In der Aufnahmegesellschaft seien ImmigrantInnen oft mit Zurückweisung, Ablehnung und Diskriminierung konfrontiert. Dadurch werde die Familie zu einem bedeutenden Zufluchtsort und zu einem schützenden Raum (ebd., 39). In vielen Kulturen hat der Familienverband im weiteren Sinne mehr Bedeutung als in Österreich und somit gibt es auch höhere Erwartungshaltungen der einzelnen Mitglieder dieses Familienverbandes, woraus sich wiederum mehr innerfamiliäre Verpflichtungen ergeben. Und innerfamiliäre Verpflichtungen bedeutet auch stärkere Bindung an die eigene Community.

Die Gefahr beim raschen Urteilen bestehe darin, zu behaupten, die ImmigrantInnen bewahrten stets und ausschließlich ihre eigenen Sitten und Bräuche. Mitnichten. Unsichtbar blieben aus Sicht der Mehrheitsgesellschaft vor allem die vielen Anpassungsleistungen, die ImmigranItnnen tagtäglich erbrächten und wie sehr sie sich bemühten, die Anforderungen des Alltags und ihrer Umgebung mit ihren eigenen Gewohnheiten und sozialisierten Verhaltensmustern in Einklang zu bringen, erklärt Beck-Gernsheim. Um ein ausgewogenes und damit faires Bild zu erhalten, müssten auch all diese Leistungen wahrgenommen werden. Denn in der Fremde sei es notwendig, viele Bereiche des Lebens neu auszuhandeln: Was heißt hier Familie? Was heißt hier Religion?

Literatur: Beck-Gernsheim, Elisabeth (2007): Wir und die Anderen. Kopftuch, Zwangsheirat und andere Missverständnisse. Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-45872-3

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Über Karin Zauner

Freie Journalistin, Kommunikationswissenschafterin

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