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Buchrezension, Fremdenfeindlichkeit, Inklusion, Integration, Narzissmus, Psychologie, Wissenschaft

Krankhafter Narzissmus gefährdet den sozialen Zusammenhalt

NarzissmusNeue Perspektiven auf das Thema „Abwertung anderer“ habe ich durch das Buch „Die narzisstische Gesellschaft“ von Hans-Joachim Maaz erhalten (dtv Verlag, ISBN: 978-3-423-34821-8). Es ist ein Buch, das aufrüttelt und einen psychoanalytischen Blick auf unsere Gesellschaft und unseren Zeitgeist wirft.

Laut Wörterbuch bedeutet das Wort Narzissmus „übertriebene Selbstliebe und das Verlangen, stets bewundert zu werden“. In der Psychologie wird zwischen einem positiven und einem negativen, einem krankhaften Narzissmus unterschieden. Der pathologische entfaltet sich in zwei Richtungen: in eine übermäßige Selbstliebe (Größenselbst) und in eine mangelnde Selbstliebe (Größenklein). In beiden Ausprägungen liegt eine tiefe Störung des Selbstwertgefühles zugrunde.

Die Ursache dafür sehen PsychologInnen im Mangel an Liebe und Zuwendung durch die Eltern (besonders durch die Mutter) in frühem Kindesalter. Denn Selbstliebe sei in ihrem Ursprung von Fremdliebe abhängig. Das Kind erlebt sich durch die Augen der Mutter. Der Mangel an Elternliebe wird vom Kind als Makel erlebt – ein Selbstverschulden. Man habe es nicht anders verdient! So lautet die tiefe Überzeugung, die sich in das Selbst des Kindes „einbrennt“. Die Eltern bleiben dabei unangetastet und werden nicht kritisch hinterfragt. So beginnt, laut Maaz, ein lebenslanger Kampf, um diesen Makel auszumerzen und zu beweisen, dass man doch „wer sei“, jemand der Anerkennung und Liebe verdiene. Das Kind werde in ein „falsches Leben“ gezwungen (in eine Art Fassade), in dem es abhängig von Fremdbestätigung und Lob wird.

Daher tut es alles, um Zustimmung und Zuwendung zu erlangen. Bei allen Bemühungen lässt sich diese Sucht niemals befriedigen. Narzissmus bedeutet: Dauerstress. Narzisstisch gestörte Menschen sind Ruhelose, von destruktiven Kräften Getriebene, die andere abwerten, um sich selbst zu erhöhen. Ihre Sucht nach Ehre, Auszeichnungen, sozialem Status, Geld, Medaillen kann nicht gestillt werden. Sie sind Menschen, die in der Eigenwahrnehmung für sich selbst und auch für andere nie gut genug sind.

Kaltblütiges Streben nach Macht und Ruhm, zwanghaftes Bemühen um Fitness, Schönheit, Jugendlichkeit, Markenfetisch etc. sind Hinweise auf eine narzisstische Störung. Aber auch eine unheilbare Selbstabwertung („Ich bin ein Versager“, „Ich bin ein Verlierer“, „Mich will eh keiner“), die auch durch eine Unzahl an Helferinnen und Helfern nicht gemindert werden kann, sind Auswüchse von Narzissmus. Um sich nicht mit den schmerzhaften Verletzungen der Vergangenheit auseinandersetzen zu müssen, lenken sich viele Betroffene gerne ab (z.B. durch Handy, Computer, Internet, Dauerbeschallung, Events, Spiele etc.). Narzisstische Störungen ließen sich nicht wirklich heilen, erklärt Maaz. Die wichtigste Aufgabe der Gesellschaft sei, die Gefahr von Beschädigungen (Gewalt, asozialem Verhalten, Brutalität, übermäßiger Gier, Selbstzerstörung, Borderline, Magersucht etc.) zu verringern und sich mit der Bedeutung der Elternschaft – insbesondere im frühen Kindesalter – auseinanderzusetzen.

Die Welt braucht Menschen, die mit sich selbst zufrieden sind und „in sich ruhen“, Erfolgen nicht immerwährend nachhecheln und es nicht notwendig haben, andere abzuwerten. Selbstliebe ermöglicht auch Fremdliebe. Gesunder Narzissmus sei der Garant für den sozialen Zusammenhalt, betont Maaz in seinem bemerkenswerten Buch.

Literatur: Maaz, Hans-Joachim (2014): Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm. München: dtv.

 

 

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Über Karin Zauner

Freie Journalistin, Kommunikationswissenschafterin

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