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Diversität, Integration, Wissenschaft

Städte bestehen aus Anonymität und Fremdheit

wienMit der Soziologie von Städten, mit deren Architektur und mit dem Rückzug der Menschen aus dem öffentlichen Raum in die Privatheit befasst sich der amerikanische Soziologe Richard Sennett. Während viele WissenschaftlerInnen beim Thema Integration stets die Gemeinschaft als Idealmodell predigen und die Abnahme von engen sozialen Beziehungen, die Entfremdung und Anonymität und den Verlust von gemeinsamen Werten beklagen, plädiert er für eine andere Sichtweise. Gesellschaft solle sich nicht in Richtung „intime Gesellschaften“ (Sennett 1983, 296) weiterentwickeln, sondern solle auch Fremdheit und Anonymität „zulassen“ – ohne beide Eigenschaften als normativ „gefährlich“ und „gemeinschaftsschädlich“ abzuwerten oder zu bekämpfen.

Für Sennett hängt Zivilisiertheit und der Umgang mit dem Fremden zusammen.

Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Zivilisiertheit und Urbanität. Zivilisiertheit bedeutet, mit den anderen so umzugehen, als seien sie Fremde, und über diese Distanz hinweg eine gesellschaftliche Beziehung zu ihnen aufzunehmen. Die Stadt ist eine Siedlungsform, die das Zusammentreffen einander fremder Menschen wahrscheinlich macht. (Sennett 1983, 299)

Intime Gemeinschaften hätten die Eigenschaft, sich abzukapseln. Sie würden verhindern, dass sich Menschen wirklich begegneten und neigten dazu, andere abzuwerten.

Die Brüderlichkeit hat sich grundlegend gewandelt; sie erscheint heute als Bereitschaft, mit einer ausgewählten Gruppe umzugehen, und ist verbunden mit der Zurückweisung all derer, die nicht dem lokalen Zirkel angehören. (ebd., 334)

Je weiter die Lokalisierung, der Zwang zur Intimität fortschreite, desto mehr setzten sich die Menschen unter Druck, die Barrieren von Sitte, Regel und Gestik, aus dem Weg zu räumen. Sennett spricht von „destruktivem Lokalismus“ (ebd., 297).

In einer Stadt sollten die Unterschiede zwischen den Menschen erhalten bleiben dürfen. Für ihn hat das Thema Zusammenleben auch sehr viel mit Stadtplanung zu tun: Die Stadt sollte Räume anbieten, die zu Begegnungen mit Fremden ermutigen, Plätze zum Verweilen und keine autogerechten Durchgangspassagen. In den metallenen Vehikeln seien die Menschen vor Begegnungen mit dem Unbekannten geschützt. Zudem würde durch das Fehlen von körperlicher Anstrengung und Hindernissen auch die Empathie füreinander verlorengehen. Richard Sennett kritisiert die reibungslose Stadt. Sie verstärke die Furcht vor Berührung und fördere Geschwindigkeit, Flucht und Passivität und verhindere Begegnungen.

Literatur:

Sennett, Richard (1983), Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität. Frankfurt/Main

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Über Karin Zauner

Freie Journalistin, Kommunikationswissenschafterin

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