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Diskriminierung, Forschung, Inklusion, Integration, Wissenschaft

„Soziale Durchmischung“ löst keine sozialen Probleme

Symbolbild, Stadt LinzDie soziale Durchmischung gilt als DAS Konzept der Stunde. In ihr sehen viele eine Art „Allheilmittel gegen individuelle Desintegration und gesellschaftliche Polarisierung“ (vgl. Schulte-Haller 2011, 3). So kommt dieser Begriff auch in vielen öffentlichen Programmen und Statements vor. Soziale Durchmischung taucht immer wieder in den Medien auf und niemand weiß so recht, was damit gemeint ist.

Räumliche Konzentrationen von einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen werden in ganz Europa als große Herausforderung gesehen – als „Angriff“ auf die Lebensqualität, die Sicherheit und letztendlich auf den Wirtschaftsstandort. In Verbindung mit der Entwicklung benachteiligter Räume wird oft eine bessere soziale Durchmischung gefordert. Das Zusammenleben unterschiedlicher sozialer Schichten soll die soziale Integration fördern. So lautet die Annahme. Die Richtigkeit dieser These kann jedoch bis heute empirisch NICHT belegt werden. So erfahren die individuellen Notlagen und Benachteiligungen durch eine bessere soziale Mischung in einem Wohnhaus oder einem Stadtteil auch keine Verbesserungen.

Aktuelle Forschungsbefunde (Harlander/Kuhn/Wüstenrot Stiftung 2012; Münch 2010; Schulte-Haller 2011) zeigen, dass die Effekte, die durch soziale Mischung konkret erreicht werden sollen, eher Erwartungen darstellen als konkrete Zielsetzungen. So hat das deutsche Forschungsprojekt „Soziale Mischung in der Stadt“ belegt, dass das Idealbild einer sozial durchmischten Stadt zwar „eine einnehmende Vorstellung ist, empirisch in Deutschland jedoch nicht überzeugend belegt werden kann“ (Harlander/Kuhn 2012, 10). In keiner der wichtigen Epochen der deutschen Stadtgeschichte habe es tatsächlich eine nachweisebare soziale Durchmischung in den Städten ohne zeitgleiche Formen der Ausgrenzung, Absonderung und kleinräumigen Segregationen gegeben (ebd.).

So kommen die WissenschaftlerInnen zu folgendem Schluss:  Falsch ist es, die Ursachen für die Probleme in der mangelnden sozialen Mischung des Quartiers anzusiedeln. Ergo kann auch die Lösung der Probleme nicht durch eine bessere soziale Mischung erzielt werden. (Schulte-Haller 2011, 8)

Physische Nähe alleine erklärt nicht die Qualität sozialer Beziehungen!  Es handle sich um einen Denkfehler, mit räumlichen Faktoren soziale Phänomene erklären zu wollen (Siebel 2006, 12).Und: Wissenschaftlich erwiesen ist, dass Menschen in ihrer Sozialisation in erster Linie durch Familie und Schule geprägt werden (Schulte-Haller 2011,7) und nicht vorrangig durch das Wohnquartier oder ihre Nachbarn.

Ob segregierte Gebiete zu Orten von sozialer Ausgrenzung werden, entscheidet sich weit weniger an der Bevölkerungsstruktur als an den Teilhabemöglichkeiten der Menschen in den gesellschaftlichen Teilsystemen wie Schule, Bildung, Arbeit, Wohnen, Freizeit etc. Armutsbekämpfung solle lieber direkt angegangen werden als auf einen „dubiosen Nachbarschaftseffekt“ zu warten, betonen Ostendorf, Musterd und de Vos (2001, 371).

Armut und soziale Benachteiligung bedarf – als komplexes gesellschaftliches Phänomen – auch einer komplexer Lösungen. ExpertInnen empfehlen daher ein integriertes Quartiersmanagement, das partizpative Maßnahmen in unterschiedlichen Handlungsfeldern (Bildung, Arbeit, Sport, Verkehr, Umwelt, Freizeit etc.) koordiniert und steuert. Die Stadt bindet die Menschen ein, lässt sie mitentscheiden und gestalten. In Berlin ist dies der Schlüssel zum Erfolg.

Literatur:

Schulte-Haller, Mathilde (2011): Soziale Mischung und Quartierentwicklung. Anspruch versus Machbarkeit. Herausgegeben von der Schweizerischen Eidgenossenschaft. URL: http://www.bwo.admin.ch/themen/00235/00237/00286/index.html?lang=de&download=NHzLpZeg7t,lnp6I0NTU042l2Z6ln1acy4Zn4Z2qZpnO2Yuq2Z6gpJCDdoR,fGym162epYbg2c_JjKbNoKSn6A– .

Harlander, Tilman/Kuhn, Gerd/Wüstenrot Stiftung (Hrsg.) (2012): Soziale Mischung in der Stadt. Case Studies – Wohnungspolitik in Europa – Historische Analyse. Stuttgart, Zürich: Karl Krämer Verlag.

Münch, Sybille (2010): Integration durch Wohnungspolitik. Zum Umgang mit ethnischer Segregation im europäischen Vergleich. Wiesbaden: VS Verlag.

Münch, Sybille/Kirchhoff, Gudrun (2009): „Soziale und ethnische Mischung“- Zur Persistenz eines wohnungspolitischen Leitbildes. In: Gesemann, Frank; Roth, Roland [Hrsg.]: Lokale Integrationspolitik in der Einwanderungsgesellschaft. Migration und Integration als Herausforderung von Kommunen. Wiesbaden: VS Verlag, 517-531.

Van Kempen, Ronald/Bolt Gideon (2012): Social consequences of residential segregation and mixed neighborhoods. In: Clapham, D./Clark, W.A.V., Gibb, K. (Hrsg.): The SAE Handbook of housing studies, pp. 439-460, Chapter 23.

 

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Über Karin Zauner

Freie Journalistin, Kommunikationswissenschafterin

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