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Diversität, Inklusion, Integration, Wissenschaft

Integration: Mittel- und Oberschicht tragen wenig dazu bei

Symbolbild c) Karin Zauner

Symbolbild c) Karin Zauner

Diversität ist nicht nur Bereicherung. Diversität fordert auch. Und wie. Die Integrationsarbeit der Gesellschaft müssen vor allem die sozial schwächeren Menschen leisten, während sich die Mittelschicht und die Oberschicht (höheres Einkommen, bessere Bildung) von der Integrationsarbeit „freikaufen“ kann (vgl. Dangschat 1998; 2000).

Besser Verdienende müssen sich nicht den Herausforderungen der Vielfalt „aussetzen“. Sie müssen nicht im sozialen Wohnbau leben und müssen nicht den langzeitarbeitslosen oder den suchtkranken Nachbarn „ertragen“. Sie können sich eine Eigentumswohnung oder ein Haus im Grünen leisten. Sie können es sich leisten, ihre Kinder in Privatschulen (mit einem hohem Anteil an deutschsprechenden Kindern) zu schicken, wodurch sich diese nicht mit den sprachlichen Herausforderungen im Zusammenleben auseinandersetzen müssen.

Zudem ist es die obere Einkommens- und Bildungsschichte, die festlegt, […] wie eine „anständige“ Integration zu verlaufen habe und selber nur sehr wenig zur Integration „vor Ort“ beitragen. Die Integrationsarbeit wird vielmehr vom unteren Drittel der autochthonen Gesellschaft geleistet, die weder die Definitionsmacht über dieses Phänomen hat, noch in ihrer Arbeit sonderlich gestützt wird. (Dangschat 2000, 187).

Angehörige der unteren sozialen Schichten sind meist selbst von Desintegration betroffen und in ihrer sozialen Anerkennung beschädigt. Was bedeutet das? Sie haben beispielsweise keinen ausreichenden Zugang zum Arbeits-, Wohnungs- und Konsummarkt, sind unzufrieden mit ihrem Leben und ihrer sozialen Position, können sich nicht ausreichend artikulieren, haben meist große gesundheitliche und private Probleme etc. Sie fühlen sich ungerecht behandelt, haben eine fatalistische Einstellung („die da Oben richten es sich“) und oft den Eindruck, kein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft (mehr) zu sein.

Sie neigen zur Abwertung anderer, zur so genannten gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit.“In den bisherigen Untersuchungen konnten wir feststellen, dass die „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ besonders in den unteren Soziallagen verbreitet ist. Viele Studien haben deutlich gemacht, wie sehr Vorurteile mit Bildung […], niedrigem Einkommen, prekären Beschäftigungsverhältnissen, aber auch Deprivation und Apathie zusammenhängen.“ (Heitmeyer 2010, 23) Anerkennungsprobleme bilden nach Heitmeyer (vgl. 2009, 74) den Nährboden für „Ideologien der Ungleichwertigkeit, in deren Folge Angehörige schwacher Gruppen abgewertet werden“.

So fühlen sich Angehörige der unteren sozialen Schicht der autochthonen Aufnahmegesellschaft in Konkurrenz mit den ImmigrantInnen. Auslöser für eine geringe Integrationsbereitschaft scheint also die Tatsache zu sein, subjektiv die Rolle des Etablierten zugunsten des Außenseiters aufgeben zu müssen und die ehemalige Rolle den „neu Etablierten“ überlassen zu müssen. (Dangschat 2000, 188).

Die Autochthomen haben daher große Angst, aus ihrer sozialen Position verdrängt zu werden. Aus Angst wird Aggression und Hass.

Somit wird klar: Sozial Schwache können die Integrationsarbeit, aufgrund ihrer persönlichen Lebensumstände nicht leisten und sind oft auch nicht dazu bereit. Die Mittel- und Oberschicht will mit dem Integrationsthema möglichst wenig zu tun haben und erklärt sich implizit als „unzuständig“.

Dieses Paradoxon birgt enorme Herausforderungen für den sozialen Zusammenhalt  – insbesondere für Städte, die durch internationalen Zuzug rasant wachsen. Die soziale Integration von ImmigrantInnen in den europäischen „Wohlstandsgesellschaften“ ist also schwierig. Sie bedarf einer gesamtgesellschaftlichen Anstrengung.

Literatur:

Dangschat, Jens (1998): Warum ziehen sich Gegensätze nicht an? Zu einer Mehrebenen-Theorie ethnischer und rassistischer Konflikte um den städtischen Raum. In: Heitmeyer, Wilhelm; Dollase, Rainer; Backes, Otto [Hrsg.]: Die Krise der Städte. Analysen zu den Folgen desintegrativer Stadtentwicklung für das ethnisch-kulturelle Zusammenleben. Frankfurt/Main: Suhrkamp. 21-96.

Dangschat, Jens (2000): Integration, die Figuration voller Probleme. Warum die Integration von Migrant/innen so schwierig ist. In: Klein, Gabriele/Treibel, Annette (Hrsg.): Skepsis und Engagement. Festschrift für Hermann Korte. Münster/Hamburg/London: Lit, 185-210.

Heitmeyer, Wilhelm (2010): Disparate Entwicklungen in Krisenzeiten, Entsolidarisierung und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. In: Ders. (Hg.): Deutsche Zustände. Folge 9. Berlin: Suhrkamp, 13-38.

Heitmeyer, Wilhelm (Hg.) (2009): Deutsche Zustände. Folge 7. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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Über Karin Zauner

Freie Journalistin, Kommunikationswissenschafterin

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