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Integration, Wissenschaft

Diversität bereichert UND fordert

Vielfalt, Symbolbild

Vielfalt, Symbolbild, Bild: Kim Nowacki, flickr.com

Zukunftsbilder und -szenarien für ein kulturell vielfältiges Österreich im Jahr 2033 wurden am Österreichischen Integrationstag 2013 am 12. April im Wiener Rathaus entworfen. Ich habe an der Themensession „Zusammenleben & Zusammenhalt“ teilgenommen. Angenommen wurde folgendes Negativ-Szenario: Österreich sei im Jahr 2033 von großen sozialen Unruhen betroffen, hoher Jugendarbeitslosigkeit, enormer Zunahme an Kriminalität, Jugendprotesten auf den Straßen – vergleichbar mit der Situation in Spanien.

Wir haben uns im Rahmen des Workshops die Frage gestellt, wie wir diese Entwicklung bereits vor 20 Jahren, also im Jahr 2013, hätten verhindern können? Folgende Gedanken sind den Teilnehmerinnen und Teilnehmern dabei durch den Kopf gegangen:

Vielleicht haben wir im Jahr 2013 jene Menschen vergessen, die sich durch die zunehmende Diversität überfordert fühlten? Vielleicht haben wir nur die Chancen gesehen und dabei jene Menschen übersehen, denen es schwer gefallen ist, Vertrauen zu „Fremden“ oder überhaupt zu anderen Menschen aufzubauen. Also jene Menschen, denen es nicht gelungen ist, ihre Konflikte auszuhandeln und damit ihren Alltag zu bewältigen. Es kann auch sein, dass  wir in Österreich die besorgniserregenden Befunde zur Fremdenfeindlichkeit missachtet oder viel zu spät darauf reagiert haben. Vermutlich haben wir aber auch das Bildungssystem viel zu spät verbessert und damit nachhaltig der Gesellschaft geschadet.

Im Rahmen des Workshops ist den Teilnehmerinnen und Teilnehmern klar geworden, dass die zunehmende Diversität nicht nur als Bereicherung gelten kann, sondern auch sehr stark fordert, manche vielleicht sogar überfordern kann. Denn: Die Integrationsarbeit liegt in Österreich auf den Schultern der sozial schwächsten Schicht, auf deren Weg zur Bildung die größten Steine liegen, die oft selbst von Desintegration betroffen ist und sich sehr schwer tut, andere als gleichwertig anzuerkennen.

Desintegration ist das Gegenteil von Integration und bezeichnet in der vorliegenden Arbeit alle Prozesse, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt verringern und zu „schwindenden Chancen der Teilhabe und Partizipation am gesellschaftlichen Leben“ (Heitmeyer 2009, 74) führen. Desintegration ist immer mit Anerkennungsverlusten (vgl. Endikrat/Schaefer/Mansel/Heitmeyer 2002) und persönlicher Missachtung (vgl. Kaletta 2008) verbunden, führt letztendlich zu einer Form der Ausgrenzung von bestimmten Gruppen und zum Auseinanderklaffen der Gesellschaft.

Wahrgenommene Desintegration und Anerkennungsprobleme bilden nach Heitmeyer (vgl. 2009, 74) den Nährboden für „Ideologien der Ungleichwertigkeit, in deren Folge Angehörige schwacher Gruppen abgewertet werden“. Soziale Desintegration zeigt sich in politischer Entfremdung, Demokratieentleerung (vgl. Heitmeyer/Mansel 2005), Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie, Antisemitismus, Rechtspopulismus, Sexismus, Unbehagen gegen Modernität, Abwertung von Behinderten, Langzeitarbeitslosen,
Obdachlosen etc.

Damit das angenommene Negativ-Szenario nicht eintritt, müssen wir den Indikatoren des sozialen Zusammenhalts in Österreich viel mehr Beachtung schenken. In Deutschland gibt es die Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ (geleitet von Wilhelm Heitmeyer), die sich mit dem Phänomen der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ auseinandersetzt. Sie zeigt die Entwicklung der Einstellung der Deutschen zu schwachen Gruppen in der Gesellschaft auf. In Österreich fehlt ein derartiges Langzeit-Monitoring. Eines steht fest: Es müssen dringend Maßnahmen entwickelt werden, die alle Österreicherinnen und Österreicher fit machen für die zunehmende Diversität. Es muss gelingen, vor allem jene Menschen zu erreichen, die im Besonderen gefordert sind und tagtäglich Integrationsarbeit für Österreich leisten. Sie brauchen ganz besonders kollektive Unterstützung.

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Über Karin Zauner

Freie Journalistin, Kommunikationswissenschafterin

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Studie: "Zuwanderung  - Herausforderung für Österreichs Medien", Holzhausen Verlag

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