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Öffentlichkeit, Integration

1922: Als es Österreich wie Griechenland erging

Symbolbild c) danielmoyle, flickr.com

Symbolbild c) danielmoyle, flickr.com

Im medialen Diskurs rund um die Solidarität mit Griechenland wird in den österreichischen Medien kaum erwähnt, dass auch „wir“ im Jahr 1922  – sowie Griechenland heute – komplett pleite waren. Österreich war damals auf die internationale Solidarität der Völkerbund-Staaten angewiesen. Hugo Portisch erinnert in seinem aktuellen Buch „Was jetzt“ (ecowin Verlag) an diese historische Tatsache (S. 49ff.). Österreich wurde 1922 durch einen Rettungsschirm im Ausmaß von 880 Millionen Goldkronen unterstützt. Das Geld kam damals von den großen Banken in Europa; die Staaten des Völkerbundes übernahmen ihnen gegenüber eine Garantie.

Doch die Finanzsspritze des Völkerbundes war an harte Sparmaßnahmen geknüpft. Sie wurden Österreich aufoktroyiert. (Ähnlich wie es die EU mit Griechenland heute macht). Das Geld wurde vom Generalkommissar des Völkerbundes mit Sitz in Wien, einem Niederländer mit dem Namen Alfred Rudolf Zimmermann, nach genauer Prüfung in Raten freigegeben. Der Völkerbund forderte damals von Österreich (S.51f.): Entlassung von rund 100.000 Staatsbeamten, die Einschränkung der Krankenanstalten und Krankenkassen, Abbau der Heilanstalten für Kriegsbeschädigte, der Invalidenschulen und Invalidenheime (vier Jahre nach dem Krieg!), Verringerung der Anzahl an Mittelschulen, Erhöhung der Schulgelder und Kollegiengelder an den Hochschulen, Auflassung entbehrlicher Postämter, Zusammenlegung der Finanzämter der Bundesländer zu einer Behörde, Reform der Bundestheater im Sinne der Selbsterhaltung, Auflassung von entbehrlichen Bezirksgerichten, Einschränkung der Gewerbeförderung, Entstaatlichung der Fachschulen, Auflassung einer Reihe von Inspektoraten, Einschränkung bzw. teilweise Streichung der Arbeitslosenversicherung, Senkung der Pensionen, teilweise Aufhebung des Mieterschutzes etc. Und: Alle Einnahmen von Zöllen und der Tabaksteuer mussten dem Generalkommissar als Sicherheit zur Verfügung gestellt werden.

Da der erste Rettungsschirm nicht gereicht hat, brauchte Österreich 1932 einen zweiten in der Höhe von 300 Millionen Schilling mit einer Laufzeit von 20 Jahren (garantiert von Großbritannien, Frankreich, Italien und Belgien). Dieser wurde vom österreichischen Parlament mit einer hauchdünnen Mehrheit von 81 zu 80 Stimmen beschlossen. Und das Ende der Geschichte? Es hat rund 60 Jahre gedauert, bis Österreich das gesamte Geld zurückzahlen konnte.

Doch die politischen Folgen der strengen Sparauflagen waren verheerend für Österreich: Die Zahl der Arbeitslosen hat sich im Nu verdoppelt auf 220.000, bis 1929 auf über 400.000. Es folgte ein Bürgerkrieg und politischer Extremismus, die Erste Republik zerbrach. 1934 kam der Ständestaat, 1938 der Anschluss an die Nazi-Diktatur.

Was lässt sich aus der Geschichte lernen? Zahlreiche Ökonomen (Stephan Schulmeister, Markus Marterbauer etc.) bringen es auf den Punkt: Gleichzeitig mit den Krediten muss es einen Plan zum Ankurbeln der Wirtschaft geben. Ein Land kann sich nicht aus Schulden heraussparen.  Denn nur zu sparen sprengt den sozialen Zusammenhalt. Österreichs PolitikerInnen müssten das wissen – aus der eigenen Geschichte.

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Über Karin Zauner

Freie Journalistin, Kommunikationswissenschafterin

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