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Öffentlichkeit, Diskriminierung, Forschung, Integration, Medien, Wissenschaft

„Islam-Studie“ als Selbstbedienungsladen für Politiker und Medien

„Da wurde ein Detail der Studie auf eine Weise in die Öffentlichkeit getragen, dass sich die von uns befragten Muslime missbraucht fühlen könnten – das ist traurig“, so kommentiert Wolfgang Frindte, Professor an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, die Berichterstattung seine Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Sie wurde im Auftrag des Bundesministeriums des Innern von PsychologInnen, SoziologInnen und KommunikationswissenschafterInnen der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der Jacobs University Bremen, der Johann Kepler Universität Linz sowie der Gesellschaft für Markt- und Sozialforschung Weimar aproxima realisiert. Zwischen Februar 2009 und Juni 2011 wurden 700  deutsche und 700 nichtdeutsche Muslime im Alter zwischen 14 und 32 Jahren zu Integrations- und Radikalisierungstendenzen telefonisch befragt, 692 Fernsehbeiträge aus Nachrichtensendungen und 6.725 Postings aus  spezifischen Internetforen analysiert.

Komplexe Wirklichkeit – differenzierte Ergebnisse
Die zentralen Ergebnisse: Rund 78 Prozent der deutschen Muslime und Musliminnen wollen sich in Deutschland integrieren; eine überwältigende Mehrheit lehnt Terror ab.  Zu der Untergruppe, die als „streng Religiöse mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenz“ bezeichnet werden kann, gehören ca. 15 Prozent der deutschen Muslime und 24 Prozent der nichtdeutschen Muslime. Nicht jeder Muslim, der in diese Gruppe fällt, muss bei jedem der genannten Aspekte besonders extreme Einstellungen haben, betont Frindte im Gespräch mit zeitonline.de.  Die Gruppe der bei all diesen abgefragten Merkmalen extrem Eingestellten sei minimal: Bei den Muslimen mit deutschem Pass waren es nur vier, bei denen mit ausländischem Pass nur zwölf Befragte. Und: Höhere Gewaltakzeptanz dürfe nicht als persönliche Gewaltbereitschaft verstanden werden, stellt Frindte in einer Pressemitteilung klar. Denn das genaue Gegenteil sei der Fall: Fast alle muslimischen TeilnehmerInnen stimmten in der Umfrage beispielsweise der Aussage zu, dass kein Mensch berechtigt sei, im Namen seiner Religion zu töten.

Boulevard und Politik ticken ähnlich
Trotz Frindtes Versuch, die Ergebnisse möglichst differenziert darzustellen, wird der mediale Diskurs um diese Studie hysterisch geführt. Dabei wird eines klar: Boulevard und politische Kommunikation ticken ähnlich. Beide lechzen nach demselben, nach der Aufmerksamkeit der Menschen. Beide polarisieren und verkürzen – ganz im Sinne der Nachrichtenwerte (Medienlogik).

So berichtete die Bild-Zeitung über die, wie sie es nennt, „Schock-Studie“ (mit einem Bild von einem  vermummten Jugendlichen), Deutschlands Innenminister Friedrich sprach davon, dass die jungen Muslime die Integration verweigerten. Sein Nachsatz: „Wir akzeptieren nicht den Import autoritärer, antidemokratischer und religiös-fanatischer Ansichten!“

Welches Bild von Öffentlichkeit hat Friedrich bzw. haben Menschen, die in seinem Fahrwasser argumentieren? Hartnäckig hält sich die Vermutung, dass hier versucht wird, MediennutzerInnen (= WählerInnen) bestenfalls die intellektuelle Denkleistung abzunehmen oder schlechtestensfalls sie ihnen gar nicht erst zuzutrauen. Verkürzt könnte man auch sagen: Friedrich will seine Klientel für blöd verkaufen.

Denn: Weggelassen hat Friedrichs in seinem ersten Statement Einiges. Beispielsweise die Erkenntnis, dass viele Muslime ganz und gar nicht das Gefühl haben, von der deutschen Bevölkerung angenommen zu werden. Repräsentative Studien zeigen, dass 20 bis 25 Prozent der Deutschen den Islam oder Muslime ablehnen.

Herausgenommen wird bei wissenschaftlichen Studien oft nur das, was zur eigenen Linie passt – zur Blattlinie oder zur politischen Strategie. Doch arbeiten Medien und PolitikerInnen dann noch im Sinne der Demokratie, im Sinne des guten Zusammenlebens? Wie sollen sich mündige BürgerInnen eine Meinung aus zugespitzten Pauschalurteilen bilden? Wer dabei auf der Strecke bleibt, ist klar: Das ist die Gesellschaft – das sind wir alle. Übrig bleiben auch WissenschaftlerInnen, wie Wolfgang Frindte, die ihre Arbeit falsch interpretiert und instrumentalisiert in den Medien und damit in der Öffentlichkeit wieder finden.

Weitere Infos:
Was die Integrationsstudie wirklich sagt (zeitonline.de)
Die Muslim-Studie? Völlig missverstanden (spiegel.de)
Politiker und Medien verzerren die Muslim-Studie (Frankfurter Rundschau)

*Im Vergleich: 71 Prozent der ÖsterreicherInnen sagen, dass der Islam mit einer Demokratie nicht vereinbar sei, 54 Prozent sehen im Islam eine Bedrohung. (IMAS, April 2010)

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Über Karin Zauner

Freie Journalistin, Kommunikationswissenschafterin

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