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Diskriminierung, Forschung, Journalismus, Medien, Studie, Wissenschaft

Hitparade der Fremdenfeindlichkeit

Bild: YellowCat, flickr.com

Parlament, Bild: YellowCat, flickr.com

Die ÖsterreicherInnen hegen unter 45 europäischen Staaten die größte Abneigung gegenüber ImmigrantInnen.

Zu diesem Ergebnis kommen die Politikwissenschafterin Sieglinde Rosenberger und der Statistiker Gilg Seeber in ihrer Studie, das als Teilergebnis der vierten Europäischen Wertestudie (European Value Study) präsentiert wurde. Diese Untersuchungen wurden von einem internationalen AutorInnenteam in den Jahren 1982, 1990, 1999 und 2008 durchgeführt; sie geben einen Überblick über die Entwicklung von Werten europäischen Ländern. Für die vierte derartige Studie wurden 67.774 Personen in 45 Ländern repräsentativ interviewt. Unter anderem wurden sie gefragt, welche Personengruppen sie sich nicht als Nachbarn wünschten. MigrantInnen wurden als “Menschen anderer Hautfarbe, Muslime und Zuwanderer/Gastarbeiter” definiert. Aus den erhobenen Daten haben  Sieglinde Rosenberger und Gilg Seeber einen Antipathie-Index errechnet.

Antipathie gegen ImmigrantInnen nahm in Österreich zwischen 1999 und 2008 am meisten zu
Österreich liegt bei der Antipathie gegen ImmigrantInnen an erster Stelle, gefolgt von Italien, Finnland und den Niederlanden. Über den Zeitraum 1999 bis 2008 nahm die Antipathie laut Index in Österreich zudem am deutlichsten zu. 1999 lag Österreich noch im Mittelfeld der europäischen “Antipathielandschaft”. Zwischen 1990 und 1999  war ein leichter Rückgang messbar. Im Jahr 2008 war die Antipathie gegenüber Einwanderern am höchsten.

Auch die Ablehnung gegenüber Minderheiten (laut Definition in der Studie “MigrantInnen, Juden und Romani”) sowie gegenüber Randgruppen (“Leuten, die oft betrunken sind; psychisch instabilen Personen; AIDS-Kranken und Drogenabhängigen”) ist in Österreich sehr hoch: Bei der Frage nach der negativen Einstellung zu Minderheiten liegt Österreich an zweiter Stelle, bei der Ablehnung von Randgruppen ist Österreich europaweit Vierter.

“Unterstrichen wird dieses Bild der deklarierten Antipathie dadurch, dass in Österreich im Vergleich mit den westeuropäischen Demokratien der höchste Unerwünschtheitswert bei allen drei MigantInnen-Gruppen zu finden ist – gegenüber Zugewanderten/ausländischen ArbeiterInnen, Muslimen und Menschen anderer Hautfarbe”, betonen Rosenberger und Seeber in der Werte-Studie.

Politik und Medien als Ursachen
Rosenberger und Seeber  weisen darauf hin, dass es auf Basis ihrer Daten keinen Zusammenhang zwischen der Zustimmung zur Aussage “zu viele Zugewanderte” und der tatsächlichen Anzahl der Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft gibt – und zwar in keinem Land. “Aus diesem Nicht-Zusammenhang ziehen sie den Schluss, „dass die Politisierung durch Parteien und Medien ein wichtiger Erklärungsfaktor sein dürfte”. Diese Erkenntnis ist aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive wenig überraschend. In zahlreichen Diplomarbeiten und Magisterarbeiten wurde die ausländerfeindliche Berichterstattung in österreichischen Medien empirisch nachgewiesen (Rene Rusch 2007, Mathilde Fixl 2006, Michaela Konrath 2009). Kritik über die Art und Weise der Berichterstattung über ZuwanderInnen und Fremde äußerte auch die Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI). Sie kritisierte in ihrem Bericht über Österreich (pdf) im Jahr 2010 die unverantwortliche Rolle „einiger Zeitungen“ im Umgang mit dem Thema
Zuwanderung:

In this respect, ECRI is especially concerned about the irresponsible editorial policy operated by some newspapers, which is contributing to the spread of racist and xenophobic stereotypes. (European Commission against Racism and Intolerance, Report on Austria, March 2010, 27)

Die sprachlichen Entgleisungen wurden durch das jahrelange Fehlen eines Presserats (zwischen 2002 und Ende 2010), der über die Einhaltung des Ehrenkodex der Österreichischen Presse wacht, deutlich verschärft.

Was tun?
Im Bereich der Medien sind die Ausbildungseinrichtungen gefordert, den jungen Journalisten und Journalistinnen Sensibilität im Umgang mit den Fremden zu vermitteln – Diversitätskompetenz. Vor allem aber muss sich die österreichische Politik zu einer „ethnisch und kulturell vielfältigen Gesellschaft“ bekennen und aktiv gegen Fremdenfeindlichkeit vorgehen. Dabei müssen die politischen Mandatare bei sich selber beginnen, bei ihren Ausdrücken („Asylanten“, „Ankerkinder“, „Islamisten“). Auch bei der Vergabe von Inseraten, die aus Steuergeldern finanziert werden, ist mehr Sensibilität gefragt. Medien, die vom Presserat wegen rassistischen Äußerungen verurteilt worden sind, sollten für eine Zeitlang keine Inserate aus der öffentlichen Hand bekommen. Es kann nich sein, dass der Staat Millionen für Integrationsarbeit ausgibt und auf der anderen Seite jene Medien unterstützt, die aktiv gegen „AusländerInnen“, AsylwerberInnen und ethnische Minderheiten mobil machen – kampagnisieren.

Klar ist, dass die „besten Köpfe“ nicht in ein Land ziehen werden, dessen Bevölkerung ImmigrantInnen in einem so hohem Ausmaß ablehnt. Die Folgen werden verheerend sein, für die österreichische Wirtschaft („Fachkräftemangel“) – für uns alle. Soll heißen: Fremdenfeindlichkeit geht uns alle an.

(Quelle: Medien-Servicestelle Neue ÖsterreicherInnen)

Links: Die Europäische Wertestudie 1990-2010: Österreich im Vergleich
Landau wehrt sich gegen Begriff „Ankerkinder“ (derstandard.at)

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Über Karin Zauner

Freie Journalistin, Kommunikationswissenschafterin

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