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Integration, Medien, MedienakteurInnen, Medieninhalte, Mehrheitsmedien, Wissenschaft

Mediennutzung und soziale Integration

Wie hängen Mediennutzung und soziale Integration von ImmigrantInnen zusammen? In der Migrationssoziologie werden Massenmedien – mit einigen wenigen Ausnahmen (vgl. Park 1922; Gordon 1964) – kaum thematisiert, was Joachim Trebbe (2009, 43) als „verblüffend“ bezeichnet. Warum das so ist? Die Erklärung: Es gibt Soziologie die Meinung, dass massenmediale Kommunikationen auf die Veränderungen ethnischer Vorurteile und sozialer Distanzen (Kontakt-Hypothese) kaum Einfluss hätten, da veränderungsresistente Denkmuster eine Art Milieueffekt darstellten – eingebettet in ein System von Bezugsgruppen, Überzeugungen und Bewertungen (vgl. Esser 2000, 33). So sagt der berühmte deutsche Soziologe Hartmut Esser:

Insgesamt lässt sich danach – durchaus eher ernüchternd – festhalten, dass für die Integration von Migranten und ethnischen Minderheiten von Seiten der Aufnahmegesellschaft durch massenmediale Kommunikation nicht viel getan werden kann. (Esser 2000, 36)

Dieser Befund steht aber in deutlichem Widerspruch zur kommunikationswissenschaftlichen Perspektive auf die Funktionen von Massenmedien im Eingliederungsprozess (vgl. Trebbe 2009, 43) und auch im Widerspruch zu den politisch diskutierten Dysfunktionen von Massenkommunikation für den Integrationsprozess (Diskriminierung, Kampagnen gegen ZuwanderInnen; Medienghetto-These). Will man die Wirkung der Mediennutzung auf die soziale Integration in einer Studie untersuchen, so muss zunächst folgende Frage geklärt werden: Ist die Mediennutzung die Ursache oder die Folge sozialer Integration?“

Da absenderorientierte Modelle im Sinne einer Propaganda oder einer gezielten sekundären Mediensozialisation in der Aufnahmegesellschaft als unrealistisch erscheinen, bietet sich ein rezipientInnenorientierter Ansatz an: der Uses-And-Gratification-Approach (vgl. Katz/Blumler/Gurevitch 1974). Dieser geht von der Annahme aus, dass sich der Rezipient oder die Rezipientin durch das Konsumieren massenmedialer Inhalte eine „Gratifikation“, einen persönlichen Vorteil, erwartet. Es besteht in diesem Kontext die Hypothese, dass eine höhere Nutzung von Majoritätsmedien (im Speziellen: öffentlich-rechtlichen Medien) eine positive Wirkung auf die Sozialintegration habe. Dieser Zusammenhang wird zwar in einigen Studien bestätigt, kann jedoch nicht generalisiert werden (vgl. Piga 2007, 223).

Die oft zititierte „Medienghetto-These“, die davon ausgeht, dass ZuwanderInnen, die via Satellit vor allem Medien aus ihrer Heimat nutzen, schlechter integriert wären, als jene, die vor allem Medien der Mehrheitsgesellschaft nutzen, konnte bislang nicht generell bestätigt werden. Ein Grund dafür ist wohl die Tatsache, dass im Prozess der Medienzuwendung die soziale – und damit auch die ethnische Identität – eine entscheidende Rolle spielt. Joachim Trebbe siedelt die soziale Identität am Beginn der Wirkungskette an. Die Mediennutzung befindet sich in seinem Modell zwischen der sozialen (und ethnischen) Identität und der sozialen Integration. Dabei wird angenommen, dass das Verhältnis von gesuchten und durch die Nutzung von Heimat- und Mehrheitsmedien erhaltenen Gratifikationen durchaus einen Effekt auf den individuellen Umgang mit der Herkunfts- und Ankunftsgesellschaft habe. Dennoch ist der genaue Zusammenhang zwischen ethnischer Identität, Medienauswahl und sozialer Integration sowohl auf theoretischer als auch auf empirischer Ebene nach wie vor unklar (vgl. Trebbe 2009, 62; Jeffres 2000, 522).

Bis heute fehlt die Verbindung der Medienzuwendung mit dem Gesamtkonzept der sozialen Identität, dem Gefühl der Zughörigkeit zu einer sozialen Gruppe (vgl. „ingroup“, Tajfel/Turner 1979; „coregroup“, Alexander 1988). Vor allem die Frage, welche Einstellungen zur Mehrheitsgesellschaft, Kultur, Religion das Zugehörigkeitsgefühl zu einer ethnischen Gruppe beeinflussen und so zu Mediennutzungsmotiven werden, konnte bisher nicht geklärt werden (vgl. Trebbe 2009, 75).

Literatur:
Esser, Hartmut (2000): Assimilation, Integration und ethnische Konflikte: Können sie durch „Kommunikation“ beeinflusst werden? In: Schatz, Heribert/Holtz-Bacha, Christina/Nieland, Jörg-Uwe (Hg.): Migranten und Medien. Neue Herausforderungen an die Integrationsfunktion von Presse und Rundfunk. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 25-37.

Gordon, Milton M. (1964): Assimilation in American Life. The Role of the Race, Religion and Nation Origin. New York: Oxford University Press.

Jeffres, Leo W. (2000): Ethnicity and ethnic media use: A panel study. In: Communication Research 27, Vol. 4, 496-535.

Katz, Elihu/Blumler, Jay G./Gurevitch, Michael (1974): Utilization of Mass Communication by the Individual. In: Blumler, Jay G./Katz, Elihu (Hg.): The Uses of mass communications: current perspectives on gratifications research. Beverly Hills/London: Sage, 19-32.

Park, Robert (1922): The Immigrant Press and its control. New York: Harper & Brothers.

Piga, Andrea (2007): Mediennutzung von Migranten. In: Bonfadelli, Heinz/Moser, Heinz (Hg.): Medien und Migration. Europa als multikultureller Raum? Wiesbaden: VS Verlag, 209-228.

Trebbe, Joachim (2009): Ethnische Minderheiten, Massenmedien und Integration: eine Untersuchung zu massenmedialer Repräsentation und Medienwirkungen. Wiesbaden: VS Verlag.

Tajfel, Henry/Turner, John (1979): An Integrative Theory of Intergroup Conflict. In: Austin, William G./Worchel, Stephen (Hg.): The social psychology of intergroup relations. Chicago: Brooks/Cole, 7-24.

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Über Karin Zauner

Freie Journalistin, Kommunikationswissenschafterin

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