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Öffentlichkeit, Forschung, Medienpolitik, Medientheorie

Öffentlichkeit – ein umkämpfter Raum

In meiner Studie „Zuwanderung – Herausforderung für Österreichs Medien“ habe ich mich intensiv mit unterschiedlichen theoretischen Konzepten von Öffentlichkeit befasst. Beim Thema „Immigration und Massenmedien“ sind folgende Erkenntnisse besonders wichtig*:

  • „Die“ Öffentlichkeit gibt es nicht
    Im Sinne von Fraser (1996) wird davon ausgegangen, dass es die einzige, alles umspannende Öffentlichkeit in der Postmoderne nicht gibt und dass durch den Diskurs von zahlreichen, nebeneinander gleichberechtigt existierenden Öffentlichkeiten (vgl. Nieminen 2009) Demokratie gefördert wird. Im Sinne der Konflikttheoretiker (vgl. Dubiel 1997; Dahrendorf 1972; Sennett 1998) liegt das Potenzial für die Weiterentwicklung der Gesellschaft in der geregelten Auseinandersetzung der verschiedenen Öffentlichkeiten, im geregelten Konflikt.
  • Gleichheit der Beteiligten, thematische Offenheit, Unabgeschlossenheit des Publikums
    Für Habermas ist die politisch funktionale Öffentlichkeit durch die Merkmale „Gleichheit der Beteiligten“, die „thematische Offenheit“ und die „Unabgeschlossenheit des Publikums“ zu den Medien gekennzeichnet. Ein Ausschluss von ZuwanderInnen aus der Öffentlichkeit als Beteiligte, thematisch oder durch Barrieren beim Zugang zu Medien ist somit das Ende der „herrschaftsfreien Publizität“, in seinem Sinne das Ende der Öffentlichkeit selbst (vgl. Habermas 1990, 97ff.) und somit auch das Ende der Demokratie. Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht liefert das Öffentlichkeitskonzept von Habermas Maßstäbe für die Beurteilung sozialer und politischer Veränderungen in einer von Massenmedien beherrschten Gesellschaft.
  • Öffentlichkeit als umkämpfter Raum
    Habermas zeichnet Öffentlichkeit als einen umkämpften Kommunikationsraum, in dem wechselnde Gruppen und Kräfte ihre hegemonialen Ansprüche durchsetzen und symbolisch zum Ausdruck bringen wollen. Inwieweit die vermachteten Strukturen und Organisationen des politischen Systems durch selbstbestimmte Formen von Partizipation verändert werden können, muss empirisch geklärt werden (vgl. Wimmer 2007, 88).
  • Gefahr der Refeudalisierung von Öffentlichkeit
    Die demokratiepolitische Einschätzung der Medienöffentlichkeit, die Habermas auf keinen Fall als „neutrale Vermittler“ betrachtet, ist ebenfalls ein wertvoller Input für die vorhandene Untersuchung. Habermas sieht die publizistische Öffentlichkeit durchsetzt von elitären Privatinteressen, von Gruppen, die auch die Mittel für professionelle Public Relations besitzen und so „Öffentlichkeit“ für ihre Interessen und Anliegen erschaffen können. Er bezeichnet dies als die Refeudalisierung der Gesellschaft (ähnlich auch Imhof 2010). ZuwanderInnen, die in der sozialen Hierarchie weit unten stehen, haben weder die finanziellen Möglichkeiten noch die Netzwerke in einflussreiche gesellschaftliche Kreise, für ihre Anliegen professionelle, öffentliche Repräsentation zu schaffen. Die hohe Dichte an ethnischen Medien in manchen Ländern, wie beispielsweise in Österreich kann als Versuch einer politischen Gegenöffentlichkeit interpretiert werden (vgl. Zauner 2010).
  • Aktives bürgerliches Engagement in Institutionen
    Habermas konstatiert, dass die Vermittlungsfunktion vom Publikum auf die Institutionen übergeht, wie beispielsweise auf Verbände oder Parteien, die sich aus der Öffentlichkeit heraus gebildet haben und die kollektiv die Interessen von Privatpersonen vertreten. Habermas verlangt ein entsprechend vitales, bürgerliches Engagement. Die Grundrechte allein könnten seiner Meinung nach Öffentlichkeit nicht vor Deformierung bewahren. Aus der Perspektive von ZuwanderInnen bedeutet dies, dass die von Habermas erwähnten Institutionen, die „im Zusammenspiel mit dem Staatsapparat Machtvollzug und Machtausgleich intern betreiben“ (Habermas 1990, 270) für alle in der Gesellschaft offen sein müssen, da sich sonst bestimmte Gruppen nicht in die politische Öffentlichkeit einbringen können. Inwieweit Verbände, Parteien und die Medien selbst in Österreich für ZuwanderInnen offen sind und inwieweit „Empowerment“ durch Politik und Staat stattfindet, muss hinterfragt werden.
  • Gesellschaftliche Anerkennung von schwachen Gruppe
    In ihrer konstruktionistischen Politiktheorie ist Nancy Fraser der Meinung, dass demokratische Gerechtigkeit heute sowohl wirtschaftliche Umverteilung als auch Anerkennung erfordere (vgl. Fraser 2001, 24). Gesellschaften, die sich um Integration bemühten, müssten aus ihrer Sicht nicht nur gegen ökonomische Ungleichheit und Ungerechtigkeit vorgehen, sondern auch gegen kulturell-symbolische.

* Auszug aus der Doktorarbeit „Zuwanderung – Herausforderung für Österreichs Medien“

Literatur:
Dubiel, Helmut (1997): Unversöhnlichkeit und Demokratie. In: Heitmeyer, Wilhelm (Hg.): Was hälft die Gesellschaft zusammen? Frankfurt am Main: Suhrkamp, 425-444.

Dahrendorf, Ralf  (1972): Konflikt und Freiheit. München/Zürich: R. Piper.

Fraser, Nancy (1996): Öffentlichkeit neu denken. Ein Beitrag zur Kritik real existierender Demokratie. In: Scheich, Elvira (Hg.): Vermittelte Weiblichkeit. Feministische Wissenschafts- und Gesellschaftstheorie. Hamburg: Hamburger Edition, 151-182.

Habermas, Jürgen (1990): Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Nieminen, Hannu (2009): The European Public Sphere as a Network? Four Plus One Approach. In: Salovaara-Moring, Inka (Hg.): Manufacturing Europe. Spaces of democracy, diversity and communication. Göteborg: Nordicom, 19-34.

Sennett, Richard (1998): Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität. Frankfurt am Main: Fischer Verlag.

Wimmer, Jeffrey (2007): (Gegen-)öffentlichkeit in der Mediengesellschaft: Analyse eines medialen Spannungsverhältnisses. Wiesbaden: VS Verlag.

Zauner, Karin (2010): Ethnic print media and journalism in Austria. Vortrag auf der Konferenz: An alternative representation? University Poitiers, 18 bis 19. März 2010; Conference Paper, unveröffentlicht.


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Über Karin Zauner

Freie Journalistin, Kommunikationswissenschafterin

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Studie: "Zuwanderung  - Herausforderung für Österreichs Medien", Holzhausen Verlag

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