//
Artikel
Öffentlichkeit, Medienpolitik, Medientheorie

Die Postmoderne: Akzeptanz des Heterogenen

In der Postmoderne ist es nicht mehr das Übermaß an Ordnung, unter dem der Mensch leide, sondern es ist das Übermaß an Freiheit, an eröffneten Möglichkeiten und Chancen, die zu einem gewissen Unbehagen und zu einer neuen Unsicherheit führt.

„Die Theoretiker der Postmoderne singen das Hohelied des Fragments – auf Kosten des Ganzen“, sagt Richard Sennett (1998, 28). Er thematisiert in seinem Werk „Der flexible Mensch“ [engl: The Corrosion of Character] (Sennett 2000) genau dieses neue Unbehagen anhand von verschiedenen Biographien von arbeitenden Menschen. Kurzlebigkeit, radikale Flexibilität, Diskontinuität, Unsicherheit und Misstrauen kennzeichnen das Leben der ProponentInnen: „Nichts Langfristiges!“ (ebd., 25). Bindungen an Klassen, Familien, Freundschaften, Nachbarschaften und Religionen, aber auch an politische Lager verlieren durch den zunehmenden Individualismus an Bedeutung und die Menschen damit Orte des Vertrauens. Selbst der Beruf, der früher wesentlicher Bestandteil der Identitätsbildung war, kann – angesichts des flexiblen Marktes – diese psychologische Funktion nicht mehr erfüllen. Durch das Gefühl stets „am Sprung“ sein zu müssen, bauten die Individuen erst gar keine emotionale Beziehung zu ihrer sozialen Umwelt auf, weil sie davon ausgingen, diese schon bald wieder verlassen zu müssen (vgl. Schroer 2005, 259). Castel (2003, 58) sieht die Ursachen für die Abnahme von Solidarität in der Gesellschaft in der Erosion des „sozialen Kompromisses“. Die von Gewerkschaften und ArbeitnehmerInnenverbänden regelmäßig ausgehandelten Tarifverträge verlieren seiner Meinung nach an Bedeutung. Dadurch trete an die Stelle der Solidarität, die früher innerhalb der Berufsstände herrschte, zunehmend die Konkurrenz, wobei jede oder jeder ihr oder sein eigenes Ich in den Vordergrund stelle und die Differenz betone. Castel nennt diesen Prozess die „Entkollektivierung der Gesellschaft“. Die Errungenschaften der Moderne erodierten unter postmodernen, kapitalistischen Bedingungen zunehmend, wodurch sich die Identitätsbildung des Menschen grundlegend verändert hat.

Einen wesentlichen Beitrag dazu liefern die Massenmedien. Sie sind heute omnipräsent und offerieren tagtäglich eine unglaubliche Vielfalt von Identitäten. Der von der Wirtschaft unterstützte Trend des „Ständig-anders-sein-müssens“ bietet neue Absatzmöglichkeiten und bringt den Menschen in einen dauerhaften „Identitätsstress“. Postmoderne Identitätsmodelle befassen sich einerseits mit innergesellschaftlichen Prozessen (Lebensstil, Biographien, Selbstkonzepten), andererseits mit der Anerkennung und den Identitätsansprüchen im globalen Bereich. Sie gehen davon aus, dass die Sinngebung und die Identitätsfindung in völliger Eigenregie erfolgen (vgl. Eickelpasch/Rademacher 2004, 11).

Die eigene Planbarkeit und Gestaltbarkeit des Lebens fordert in der Postmoderne den Verzicht auf die Visionen von Ganzheit oder Einheit. So meint François Lyotard (1986 [1979], 203): „Wir haben die Sehnsucht nach dem Ganzen und dem Einen teuer bezahlt.“ Welsch sieht das Ende des Ganzheitsgedankens gekommen: Die Postmoderne sei „die Verfassung radikaler Pluralität“, die „Feier von Vielheit und Differenz“ (Welsch 1987, 4).

Identität ist immer weniger monolithisch, sondern nur noch plural möglich. Leben unter heutigen Bedingungen ist Leben im Plural, will sagen: Leben im Übergang zwischen unterschiedlichen Lebensformen. (Welsch 1990, 236)

Literatur:

Castel, Robert (2003): Die Stärkung des Sozialen. Leben im Wohlfahrtsstaat. Übersetzt aus dem Französischen von Michael Tillmann. Hamburg: Hamburger Edition.

Eickelpasch Rolf/Rademacher, Claudia (2004): Identität. Bielefeld: transcript.

Lyotard, Jean-François (1986 [1979]): Das postmoderne Wissen. Wien: Passagen. [Original: La Condition postmoderne: Rapport sur le savoir. Paris.]

Schroer, Markus (2005): Richard Sennett. In: Kaesler, Dirk (Hg.): Aktuelle Theorien der Soziologie. Von Shmuel N. Eisenstadt bis zur Postmoderne. München: C. H. Beck, 250-266

Sennett, Richard (1998): Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität. Frankfurt am Main: Fischer Verlag.

Sennett, Richard (2000): Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. München: Goldmann.

Welsch, Wolfgang (1987): Unsere postmoderne Moderne. 2. Auflage. Weinheim: VCH.

Welsch, Wolfgang (1990): Kulturpolitische Perspektiven der Postmoderne. In: Cornel, Hajo/Vokhard, Knigge (Hg.): Das neue Interesse an der Kultur. Hagen (Kulturpolitische Gesellschaft e.V., Dokumentation 34), 88

Advertisements

Über Karin Zauner

Freie Journalistin, Kommunikationswissenschafterin

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Die Postmoderne: Akzeptanz des Heterogenen

  1. Danke für die Hinweise. Gibt nicht aber gerade die postmoderne Theorie der Anerkennung den Blick frei auf Prozesse im Sozialen, in denen nicht Freiheit vs. Ordnung ‚gekämpft‘ wird, in denen es nicht um Auseinanderdriften vs. Vereinigen geht? Gibt es nicht Formen der Anerkennung, die Individualisierung durch Beziehung / Bindung ermöglichen? Erneuerung durch das Durcharbeiten des Alten? Ich würde mich sehr dafür interessieren.

    Verfasst von kimberra | Mai 22, 2012, 6:08 pm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Meine Dissertation

Studie: "Zuwanderung  - Herausforderung für Österreichs Medien", Holzhausen Verlag

Studie: "Zuwanderung - Herausforderung für Österreichs Medien", Holzhausen Verlag

Fragen zum Thema Integration?

Logo der Medien-Servicestelle

Nützliche Links für Journalisten

Nützliche Links für Journalisten

Archive

%d Bloggern gefällt das: