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Diskriminierung, Diversität, Forschung, Journalismus, MedienakteurInnen

Diversität in Redaktionen – Forschungsstand

Das Problem der unangemessenen Darstellung von MigrantInnen und Berichterstattung über MigrantInnen in den Medien bestehe – nach Meinung zahlreicher WissenschaftlerInnen und VertreterInnen von MigrantInnen-Organisationen – darin, dass es in vielen Redaktionen zu wenig Informationen über MigrantInnen gebe. Abgesehen von sprachlichen Barrieren seien die JournalistInnen der Mehrheitsgesellschaft mit den MigrantInnenvereinen und -organisationen schlecht vernetzt. Man geht bei dem Diversitätsansatz in Medienbetrieben davon aus, dass Menschen mit Migrationshintergrund neben den sprachlichen Kompetenzen und ihrem kulturellen Wissen, viele Kontakte in die Communities mitbringen.

Die wissenschaftlichen Befunde zu den Wirkungen von der Präsenz ethnischer Minderheiten in den Redaktionen auf die Berichterstattung über ImmigrantInnen sind jedoch ambivalent. Einerseits gibt es viele Studien, die von einer schwachen Wirkung oder einer Wirkungslosigkeit ausgehen (siehe Punkt 1) und auf der anderen Seite gibt es welche, die in der ethnischen Diversität in den Redaktionen die wichtigste Maßnahme gegen die unangemessene Darstellung von ethnischen Minderheiten sehen (siehe Punkt 2):

1. Kritische Studien zur Wirkung von Diversität in Redaktionen auf die Inhalte

Studien, die von einer schwachen Wirkung bzw. Wirkungslosigkeit ausgehen, argumentieren, dass sich die „minority journalists“ in den Mainstream-Medien rasch an die Redaktions-Routinen und Normen anpassten. Von den „minority journalists“ werde indirekt erwartet, die Rolle der Mainstream-JournalistInnen einzunehmen und sich anzupassen. Die Strukturen übten auf „minority journalists“ Druck aus, sodass diese von ihrer ethnische Identität und ihren Erfahrungen Abstand nehmen (vgl. Hunt 1999; Husband 2005; Cassidy 2006). Wilson spricht in diesem Zusammenhang von einer  „illusion of inclusion“ (Wilson 1991, 137). Durch diese systemimmanente Anpassung käme es dazu, dass eine ethnisch vielfältige Redaktion nicht immer automatisch eine bessere Berichterstattung über Minderheiten vorweisen könne und stärker ein multikulturelles Publikum anspreche. So zeigt Catherine Steele (1994) beispielsweise in ihrer Studie, dass mehr VertreterInnen von Minderheiten in der Redaktion sogar zu einer Reduktion von Artikeln mit Bezug zum Wert „Toleranz“ führe. Auch die Befunde von Raymond Ankney und Deborah Procopio (2003) zeigen, dass die Anstellung von MinderheitenjournalistInnen nicht die Berichterstattung so beeinflusst, dass Themen von Minderheiten einen stärkeren Niederschlag fänden.

Im Rahmen der Studie von Nishikawa et al. 2009 wurden 18 „minority journalists“ interviewt. Sie berichten, dass es zahlreiche Hindernisse im Arbeitsalltag gebe, die Diversität in der Berichterstattung behindern[1]. Nishikawa et al. haben festgestellt, dass die innerbetrieblichen Normen von den Minderheiten-JournalistInnen äußerst hoch gehalten werden und insbesondere versucht wird, anwaltschaftlichen Journalismus zu vermeiden. Vor allem die Blacks and Latinos sprechen sich gegen das Eintreten für die eigene Community aus. Die AutorInnen vermuten, dass diese Haltung ihre Ursachen einerseits in der journalistischen Ausbildung und andererseits auch im innerbetrieblichen Druck hat. Die Befunde von Nishikawa et al. (2009) verstärken den Eindruck, dass die MinderheitenjournalistInnen ihre ethnische Identität innerhalb der Redaktion ablegen (vgl. Steele 1994). Sie bestätigen Wilsons Feststellung, dass es sich bei Diversität oftmals um eine „illusion of inclusion“ handelt und weisen gleichzeitig auf die Tatsache hin, dass für eine ernst gemeinte Transformation der Berichterstattung in Richtung multikulturelle Gesellschaft eine kritische Masse von Minderheiten-JournalistInnen notwendig sei, die nicht nur kritisch sein dürfe, sondern dies auch sein wolle.

2. Studien, die Diversität in den Redaktionen als einen wichtigen Faktor für eine angemessene Berichterstattung betrachten

Neben Studien, die ethnischer Diversität skeptisch gegenüber stehen, gibt es welche, die den „minority journalists“ in den Redaktionen durchaus eine positive Wirkung auf die Berichterstattung von Mainstream-Medien zuschreiben. Wie beispielsweise die Untersuchung von Pease, Smith und Subervi (2006, zit. nach Nishikawa et al. 2009, 245), in der anhand einiger Zeitungen eine positive Korrelation zwischen JournalistInnen mit einer positiven Einstellung zur Diversität und einer besseren Berichterstattung über ethnische Minderheiten gefunden wurde. Einige ForscherInnen betonen (vgl. Gross et al. 2001), dass mehr Diversität die Wahrnehmungsfähigkeit der Redaktionen erhöhe und zu einer besser informierten Presse, Öffentlichkeit und Politik führen könne.

Aus ökonomischer Perspektive wird vielfach davon ausgegangen, dass die ethnische Diversität in den Redaktionen zu einer besseren Reputation und in der Folge zu einer höheren Auflage führe (vgl. Voakes/Kapfer/Kurpius/Chern 1996) und dass durch die Einbindung von Minderheiten-Themen das Medium für Minderheiten attraktiver werde (vgl. Ankney/Prokopio 2003; Brislin/Williams 1996; Gross/Curtin/Cameron 2001). Doch beide Thesen wurden bislang nicht bestätigt.

Fazit: Vor dem Hintergrund der dargestellten Befunde kann keine wissenschaftlich fundierte Antwort in Bezug auf die Wirkung von ethnischer Vielfalt in Redaktionen auf die Berichterstattung über ethnische Minderheiten gegeben werden. Für die Veränderung in eine universelle, alle Teile der Gesellschaft umfassende Berichterstattung bedarf es vermutlich mehr als nur der Veränderungen in den Medienorganisationen. Es bedarf einer breiten politischen und gesellschaftlichen Akzeptanz und Förderung der multikulturellen und multiethnischen Gesellschaft („ethnic mainstreaming“) und des politischen Bekenntnisses zu einem diskriminierungsfreien Zusammenleben.

Literatur:

Ankney, Raymond N./Procopio, Deborah A. (2003): Corporate Culture, Minority Hiring, and Newspaper Coverage of Affirmative Action. In: Howard Journal of Communication, Vol. 14, 159-76.

Brislin, Tom/William, Nancy (1996): Beyond Diversity: Expanding the Canon in Journalism Ethics. In: Journal of Mass Media Ethics, Vol. 11 (1), 16-27.

Cassidy, William P. (2006): Gatekeeping Similar for Online, Print Journalists. In: Newspaper Research, 27, 6-23.

Gross, Richard/Curtin, Patricia A./Cameron, Glen T. (2001): Diversity Advances Both Journalism, Business. In: Newspaper Research Journal, Vol. 22 (2), 14.27.

Hunt, Darnell M. (1999): O.J. Simpson. Fact & Fictions. News Rituals in the Construction of Reality. New York: Cambridge University Press.

Husband, Charles (2005): Minority ethnic media as communities of practice: Professionalism and identity politics in interaction. In: Journal of Ethnic and Migration Studies, 31, 461-479.

Johnston, A./ Flamiano, D. (2007):  Diversity in mainstream newspapers from the standpoint of journalists of color. The Howard Journal of Communications, 18, 111–131.

Rivas-Rodriguez, Maggie/Subervi-Vélez, Federico A./Bramlett-Solomon, Sharon/Heider, Don (2004): Minority Journalists‘ Perceptions of the Impact of Minority Executives. In: Howard Journal of Communications, Vol. 15, 39-55.

Steele, Catherine A. (1994): Newspapers’ representations of tolerance and intolerance. In: Mass Communication Review, 21, 173-186.

Voakes, Paul S./Kapfer, Jack/Kurpius, David/Chern, David Shano-yeon (1996): Diversity in the news: A conceptual and methodological framework. In: Journalism & Mass Communication Quarterly, Vol. 73 (3), 582-593

Wilson, Clint C. (1991): Black journalists in paradox: historical perspectives and current dilemmas. Westport, CT: Greenwood.

[1] Vielfach herrscht bei den Interviewten die Wahrnehmung, dass Diversität kein Nachrichtenwert sei und dass es einen eklatanten Mangel an VertreterInnen von Minderheiten in Entscheidungspositionen gebe (vgl. auch Rivas-Rodriguez et al. 2004; Johnston/Flamiano 2007).

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Über Karin Zauner

Freie Journalistin, Kommunikationswissenschafterin

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