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Integration

Integration – ein Containerbegriff

Was hält die Gesellschaft unter postmodernen Verhältnissen zusammen?* Der Maßstab des „Guten“ ist in modernen Demokratien nicht mehr das göttliche Gebot oder die normativen Vorstellungen eines einzelnen Herrschers, sondern es sind kollektiv ausgehandelte Prinzipien, die sich in den staatlichen Rechtssystemen, im Speziellen in den Grundrechten widerspiegeln. Demokratische Staaten haben eine Vielzahl von „Integrationsmechanismen“ und „Integrationsinstitutionen“ entwickelt, die zur geregelten Austragung und Beilegung von Konflikten dienen und Minderheiten in Schutz nehmen sollen. Nicht mehr nur Solidarität, Vernunft, Ordnung und verbindliche Werte (Rechtssysteme) werden in postmodernen Gesellschafstheorien thematisiert, sondern vor allem Diskurse und Konflikte. Dennoch: der Begriff der Integration ist heute im öffentlichen Diskurs allgegenwärtig. Wurde dieser Terminus vor einigen Jahrzehnten mit Maßnahmen der Eingliederung von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft in Verbindung gebracht, so wird er heute fast ausschließlich im Immigrationskontext verwendet.

Um der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs nachzugehen, ist ein Blick in ein Wörterbuch sinnvoll. Das Wort Integration kommt von dem lateinischen integer bzw. dem griechischen entagros, was so viel bedeutet wie „unberührt, unversehrt, markellos, ganz“, integratio „die Herstellung eines Ganzen“, integralis „ein Ganzes ausmachend“. Der „wünschenswerte Zusammenhalt“ und die „Abgrenzung nach außen“ sind inhärente Bestandteile des Begriffes. Doch wie sieht dieses „Ganze“ aus? Es stellen sich in Anlehnung an Pöttker (vgl. 2005, 27f.) einige Fragen:

  • Ist Integration ein absoluter oder ein gradueller Begriff?
  • Ist Integration etwas Wünschbares oder etwas Wertneutrales?
  • Beinhaltet Integration die Vorstellung einer homogenen oder heterogenen Gesellschaft?
  • Ist Integration ein Prozess oder ein Endzustand?
  • Ist mit Integration Systemintegration oder Sozialintegration gemeint?
  • Ist Integration ein hegemonialer Prozess (politischer Druck) oder ein freiwilliger Prozess?
  • Bedarf Integration Aktivitäten von den Mitgliedern der Mehrheits- oder der Minderheitsgesellschaft, oder von beiden

All diese Fragen zum Konzept der Integration lassen auf dessen Komplexität schließen. Es geht dabei längst nicht mehr nur um das Integrieren der ZuwanderInnen, sondern generell um den Zusammenhalt und die Solidarität innerhalb einer sich mehr und mehr ausdifferenzierenden Gesellschaft.

Die Menschen in modernen, pluralistischen Gesellschaften sind in ihren Wertehaltungen, Begabungen, Berufen, Lebensstilen und ihren Ausbildungen alles andere als homogen. Postmoderne Identitäten sind kulturell-hybrid, mit einem, durch Mobilität und neue Medien forcierten, weiten Wissens- und Erfahrungshorizont, der auch vor Staatsgrenzen nicht halt macht. Die Frage, wie man zu sein hat, damit man als integriert gilt, lässt sich angesichts des Wertepluralismus’ immer schwieriger bis gar nicht beantworten. Es ist die Verflüssigung des Referenzrahmens für Integration in der Postmoderne, der Integration als wissenschaftliches Analysekonzept letztendlich in Frage stellt und die Einbettung der Integrationskonzepte in „nationale Container“, die immer wieder Kritik hervorruft (selbst wenn bei Integration von Chancengleichheit und Partizipation gesprochen wird).

Das Problem ist offensichtlich: das gesellschaftliche Ganze braucht für seine Formierung die Grenze gegenüber „den Anderen“. Somit führt das nationale Streben nach Integration immer wieder zu einer Verherrlichung von Einheit, die es in der Postmoderne gar nicht gebe, und zu einem Ignorieren von Diversität. So muss festgehalten werden, dass trotz einer Fülle von Definitionsangeboten und soziologischen Klärungsversuchen der Begriff Integration nach wie vor vage bleibt.

* Der Text ist ein Auszug aus meiner Doktorarbeit: „Zuwanderung – Herausforderung für Österreichs Medien“

Literatur:

Pöttker, Horst (2005): Soziale Integration. Ein Schlüsselbegriff für die Forschung über Medien und ethnische Minderheiten. In: Geißler, Rainer/Pöttker, Horst (Hg.): Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland. Bielefeld: transcript, 25-45.

 

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Über Karin Zauner

Freie Journalistin, Kommunikationswissenschafterin

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Studie: "Zuwanderung  - Herausforderung für Österreichs Medien", Holzhausen Verlag

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