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Integration, Integrationsfunktion, Medien, Medientheorie

Warum Medien in Demokratien keine Integrationsfunktion haben dürfen

Massenmedien mit „Integrationsfunktionen“ sind mit der Grundidee von Demokratie nicht kompatibel, so lautet meine These. Medien haben genau dann eine integrative Wirkung für die Gesellschaft, wenn sie keine Integrationsfunktion entlang eines einzigen Wertesystems haben. Würden sie das, dann wären sie keine Plattformen der Demokratie, sondern Propagandainstrumente. Wenn über Chancengleichheit und Partizipation durch Medien in modernen Gesellschaften diskutiert wird, dann halte ich es für besser, von „demokratischen Aufgabe der Medien“ zu sprechen anstatt von einer „Integrationsfunktion“.

1. Es gibt keine homogene Gesellschaft

Faktum ist: Wir leben heute in unglaublich vielfältigen Gesellschaften. Vielfältig an Meinungen, Einstellungen, Kulturen, Traditionen, Werten, Lebensformen, Religionen, Ethnien, Vorlieben, etc. Integrationsmodelle, die auf eine homogene Gesellschaft abzielen, sind daher unpassend und nicht zeitgemäß. Sie engen die Individualität und die freie Entscheidung zur Ausbildung und zum Leben der Solidarität ein. Sie sind historische Fiktionen, stark mit dem Konstrukt „Nationalstaat“ verbunden. Das Modell der homogenen Gesellschaft beinhaltet starke Normen und Mechanismen der Abgrenzung nach außen. Es wird von den Eliten vorgegeben, wie das homogene Ganze aussieht und nach welchem Wertesystem Integration in dieses Ganze erfolgt. Im gleichen Atemzug kann man die berechtigte Frage stellen: Wie viel Demokratie ist vor dem Hintergrund einer derartigen Gesellschaft möglich? Wie demokratisch können Gesellschaften sein, in denen die Führungseliten ihr Bild von Nation durchsetzen?

Wann immer von einem Medium der Massenkommunikation der Anspruch auf eine Integrationsfunktion erhoben wird, erhebt sich zugleich die Frage, in welche Richtung und zugunsten welchen Wertesystems integriert werden soll, und ob hier nicht eine Verführung zu unkontrollierten, in der Verfassung nicht vorgesehenen Herrschaftsmacht liegt? (Noelle-Neumann 1983, 211)

Es ist aus Sicht der Autorin dringend notwendig, in der Kommunikationswissenschaft den Blick weg von einer „pseudohomogenen“, nationalen Gesellschaft in Richtung pluralistischer, diverser, demokratischer Gesellschaft zu richten.

2. Mündige BürgerInnen brauchen keine Kitt-Themen

In vielen Konzepten zur  Integrationsfunktion von Massenmedien werden das gemeinsame Wissen, das gemeinsam Erlebte und die gemeinsamen Werte stark betont. Diese Theorien gehen davon aus, dass große gemeinsame Themen, Erlebnisse oder Werte notwendig seien, damit Mitglieder der Gesellschaft zueinander finden. Hannes Haas bezeichnet beispielsweise Medien als „sozialen Kitt“:

Integration erfolgt auch durch die laufende Leistung der Medien, Themen bereit zu stellen, über die in der Familie, im Freundeskreis, in der Schule und im Beruf gesprochen werden kann. Solche Themen bieten als Gesprächsstoff jenen Kitt, der Gesellschaft zusammen hält.  (Haas 2008, 44)

Andreas Vlasic bezeichnet Massenmedien als „soziales Gleitmittel“ (Vlasic 2004, 71), das hilft, über die Primärgruppe hinausgehende Kontakte zu knüpfen. Bei Mc Quail (1994 [1983], 81) haben beispielsweise Fernsehereignisse den „sozialen Zement in ansonsten atomisierten Gesellschaften“ zur Verfügung zu stellen. Es stellt sich aber bei all diesen Modellen die Frage: Wer gibt diese großen Themen oder Ereignisse vor, über die sich die Menschen unterhalten (sollen)? Die Macht des Gemeinsamen ist auch in den Integrationstheorien von Franz Ronneberger (1985) und Manfred Rühl (1985) zu finden. Integration durch Massenmedien erfolgt bei ihnen über das Vermitteln von gemeinsamen Werten und Normen, Denk- und Verhaltensmustern, Status- und Rollenbildern, Images und Typenvorstellungen. Ronneberger (1985, 16) geht sogar soweit, dass er von der Schaffung von Massenloyalität zur Durchsetzung gemeinsamer Interessen spricht, ein zutiefst politischer Ansatz:

Die Medien erfüllen die Integrationsfunktion nur, wenn sie gesellschaftlich anerkannte Verhaltensweisen und Verhaltensnormen vermitteln bzw. Massenloyalität für die Geltung dieser (sozialen, politischen und rechtlichen) Normen herstellen und gegebenenfalls auch Handlungsbereitschaft im Sinne der Durchsetzung gemeinsamer Interessen bewirken. (Ronneberger 1985, 16)

Ronneberger fragt letztendlich: Wie lenkt man Menschen? Wie übt man Macht aus? Für die Politik ist das Schaffen von hoch integrativen, mobilisierbaren Gruppen von großer Bedeutung. Gesellschaftliche Werte spielen auch bei Gerhard Maletzke (1990, 166) eine Rolle. Für ihn erfüllen Medien dann eine Funktion, wenn sie das „Wünschenswerte für eine Gesellschaft“ kommunizieren. Doch was gilt in der Gesellschaft als wünschenswert? Wer gibt das Wünschenswerte vor? All diese Modelle des „Gemeinsamen“ und „Wünschenswerten“ gehen von einem starken Kommunikator aus, der es mit einer mehr oder weniger unmündigen Masse zu tun hat. Aus Sicht der Autorin sind derartige Konzepte demokratiepolitisch bedenklich. Wenn die Kommunikationswissenschaft die Demokratie unterstützt, dann ist es nach Meinung der Autorin unabdingbar, dass Medientheorien entwickelt werden, die von aufgeklärten und mündigen Menschen ausgehen, die durch Medien an der Gesellschaft teilhaben und als fähig betrachtet werden, sich selbst in den Diskurs einbringen.

3. „Demokratische Aufgaben von Medien“ anstatt „Integrationsfunktion“

Ist Integration die Aufgabe von Massenmedien? Aus meiner Sicht: nein. Die Aufgabe von Medien ist es nicht, Gesellschaft „zusammen zu halten“, sondern soziale Wirklichkeit abzubilden, zu unterhalten, zu kontrollieren und Dialog zu ermöglichen, Dialog zu sein. Diesen Aufgaben kommen Medien, je nach Zielgruppe, in unterschiedlicher Art und Weise nach. Dabei darf man nicht vergessen, dass Medien in erster Linie Wirtschaftsunternehmen sind, die ihre Zielgruppen, ihre LeserInnen, HörerInnen, SeherInnen und UserInnen bedienen und ein bestimmtes Marktsegment abdecken. Sie setzen daher verstärkt auf zielgruppenadäquate Themen. Jedes Medium „hört“ in der Contentproduktion in sein Segment. Die Aufbereitung der Inhalte und damit die integrativen Wirkungen sind daher völlig medienspezifisch.   Boulevardjournalismus neigt zur Sensationalisierung, zur Polarisierung und Kampagnisierung. Qualitätsjournalismus versucht hingegen Hintergründe zu beleuchten und Geschichten aus unterschiedlichen Perspektiven darzustellen. Massenmedien wirken  im Sinne einer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft nur dann integrativ, wenn

  • sie möglichst alle zu Wort kommen lassen,
  • Meinungen möglichst nicht verstärken oder abschwächen,
  • umfassend informieren und keine Nische auslassen.

Philomen Schönhagen (1999, 272ff) hat den Begriff der „journalistischen Integrationskommunikation“ in den wissenschaftlichen Diskurs eingebracht. Für sie ist eine Beteiligung aller Individuen am Konstruktionsprozess einer gemeinsamen Wirklichkeitsdefinition eine Voraussetzung für den Bestand von Gesellschaft (vgl. Löffelholz 2004, 219). Dies könne nur dann funktionieren, wenn die unterschiedlichen gesellschaftlichen Wirklichkeitsentwürfe eine gleichberechtigte Chance erhalten, an der Konstruktion gesellschaftlicher Realität mitzuwirken (vgl. ebd.). Schönhagen geht davon aus, dass der Einzelne auf die Vermittlung durch Massenmedien angewiesen sei. Vor diesem Hintergrund betont sie, dass es die Aufgabe des integrativen Journalismus sei, für die chancengleiche Vermittlung von Kommunikation zu sorgen. Handelnde Journalisten müssten, so Schönhagen (1999, 280), aus einer „Vogelperspektive“ bzw. als „unbeteiligte Beobachter“ berichten. Vor diesem Hintergrund erscheint es aus Sicht der Autorin wichtig, dass die Politik den Journalismus als eine bedeutende Institution innerhalb einer Demokratie erkennt und fördert: Die Politik beispielsweise durch die Schaffung qualitativ hochwertiger Ausbildungsstätten für JournalistInnen und die Förderung eines funktionierenden, unabhängigen Presserats, durch gezielte Forschungsaufträge.

Literatur:

Haas, Hannes (2008): Medienkunde. Grundlagen, Strukturen, Perspektiven. Wien: Universitätsverlag.

Noelle-Neumann, Elisabeth (1983): Medienpolitisches Hearing. Publizistische Vielfalt und Integrationsfunktion als konkurrenzierende Ziele. In: Rühl, Manfred/Stuiber, Heinz-Werner (Hg.): Kommunikationspolitik in Forschung und Anwendung. Düsseldorf: Droste, 201-214.

Ronneberger, Franz (1985): Integration durch Massenkommunikation. In: Saxer, Ulrich (1985): Gleichheit oder Ungleichheit durch Massenkommunikation? Homogenisierung – Differenzierung der Gesellschaft durch Massenkommunikation. München: Ölschläger, 3-18.

Rühl, Manfred (1985): Integration durch Massenkommunikation? Kritische Anmerkungen zum Integrationsbegriff. In: Saxer, Ulrich (Hg.) (1985): Gleichheit und Ungleichheit durch Massenmedien. Homogenisierung – Differenzierung durch Massenkommunikation. München: Öhlschläger, 19-33

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Über Karin Zauner

Freie Journalistin, Kommunikationswissenschafterin

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