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Integration, Integrationsfunktion, Medien, Medienpolitik, Medientheorie

Integration durch Massenmedien?

Integration ist ein Begriff, über den fast tagtäglich gesprochen wird und unter dem   viele Menschen Unterschiedliches verstehen. Selbst in der Kommunikationswissenschaft gibt es keine einheitliche Definition von Integration(vgl. Hummel 1996). Das Wort „Integration“ kommt von dem lateinischen Integer bzw. dem griechischen Entagros und bedeutet unberührt, unversehrt, ganz (Müller 1985, 307). Integration meint immer die „Herstellung eines Ganzen“, einer Einheit. Der „wünschenswerte Zusammenhalt“ und die „Abgrenzung nach außen“ sind inhärente Bestandteile des Begriffes.

Im deutschsprachigen Raum haben sich zahlreiche KommunikationswissenschaftlerInnen mit den integrativen Funktionen von Massenmedien auseinandergesetzt[1] (vgl. Vlasic 2004, 67ff, Saxer 1985). Die meisten attestieren den Massenmedien dezidiert eine so genannte Integrationsfunktion (Rühl 1985, Ronneberger 1985, Maletzke 1990, Hummel 1996, Jarren 2000, Schatz et al 2000, Burkart 2002, 378ff) oder einen Integrationsbeitrag (Bonfadelli 2008). Je nach dem zugrunde gelegten Gesellschaftsbild lassen sich ihre Theorien zwischen zwei Extrem-Positionen einordnen:

  • Konzepte, die von einer homogenen Gesellschaft ausgehen
    Ziel von Massenmedien ist die Stiftung von Einheit, die Erzeugung von Zusammenhalt der Gesellschaft, Ganzwerdung. Im Mittelpunkt steht das Gemeinsame. Zugrunde gelegt wird ein nationaler („völkischer“) Integrationsbegriff.
  • Konzepte, die von einer heterogenen Gesellschaft ausgehen
    Ziel der Massenmedien ist eine umfassende, keine Nische auslassende Berichterstattung, das übereinander Informiertsein und das Erzeugen von Solidarität. Im Mittelpunkt dieses Konzeptes steht das Individuum. Zugrunde gelegt wird ein interkultureller Integrationsbegriff.
Konzepte der Partizipation und Chancengleichheit Traditionelle Integrationstheorien
Gesellschaftsbild Heterogene Gesellschaft Homogene Gesellschaft
Ausgangslage Keine Angst vor dem Zerfall von Gesellschaft Angst vor dem Zerfall der Gesellschaft, Angst vor dem Verlust von Steuerbarkeit der Gesellschaft
Grundidee Emile Durkheim (1996 [1893], 156): „Organische Solidarität“. Im Mittelpunkt das aufgeklärte, kritisch denkende Subjekt, Bildung als Mittel zur gesellschaftlichen Teilhabe Der vorgegebene Zusammenhalt, „Ingroup-Outgroup“. Kollektiv steht im Mittelpunkt, die „Masse“, das „Volk“, Bildung im Sinne der Eliten
Aufgaben von Medien Ziele: Übereinander informieren, damit einer von der Aufgabe des anderen Bescheid weiß, Erzeugen von Solidarität und Toleranz – beruhend auf Freiwilligkeit und menschlicher Vernunft Ziele: Erzeugung gemeinsamer Wertvorstellungen, Verhaltensnormen, Erzeugung von Massenloyalität und Zusammenhalt (auch mit Zwang)

Tabelle 1: Zwei Pole, zwischen denen sich die Theorien zur integrativen Wirkung von Massenmedien einordnen lassen, Eigendarstellung.

Angesichts der gesichteten Medientheorien plädiere ich für einen radikalen Perspektivenwechsel: Weg von Modellen, die auf Homogenität abzielen, so genannten traditionellen Integrationstheorien (vgl. Tab.1, dritte Spalte), hin zu Konzepten, die Medien als Instanzen der Demokratie und gesellschaftlichen Partizipation beschreiben und Vielfalt der Meinungen und Lebenswelten unterstützen (vgl. Tab.1, zweite Spalte).

Siehe auch: Warum Medien in Demokratien keine Integrationsfunktion haben dürfen

Literatur:

Bonfadelli, Heinz (2008): Migration, Medien und Integration. Der Integrationsbeitrag des öffentlich-rechtlichen, kommerziellen und komplementären Rundfunks in der Schweiz. Zürich: Executive Summery. Im Auftrag des Bundesamts für Kommunikation.

Burkart, Roland (2002): Kommunikationswissenschaft. Grundlagen und Problemfelder. Wien (et.al.): Böhlau, 4. Auflage.

Durkheim, Emile (1996 [1893]): Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Haas, Hannes (2008): Medienkunde. Grundlagen, Strukturen, Perspektiven. Wien: Universitätsverlag.

Hummel, Roman (1996): Integration als publizistische Aufgabe. Ansichten von Kommunikationswissenschaftern und Medienmachern. In: Mast, Claudia (Hg.): Markt – Macht – Medien. Publizistik zwischen Verantwortung und ökonomischen Zielen. Konstanz: UVK.

Jarren, Otfried (2000): Gesellschaftliche Integration durch Medien? Zur Begründung der normativen Anforderungen an Medien. In: Medien und Kommunikationswissenschaft. 48, Jahrgang, Heft 1, 22-41.

Löffelholz, Martin (2004): Theorien des Journalismus. Ein diskursives Handbuch. Wiesbaden: VS Verlag.

Maletzke, Gerhard (1990): Integration – Eine gesellschaftliche Funktion der Massenkommunikation. In: Haas, Hannes (Hg.) (1990): Mediensysteme. Struktur und Organisation der Massenmedien in den deutschsprachigen Demokratien. Wien: Braumüller, 165-172.

Müller, Wolfgang (Hg.) (1985): DUDEN – Das Bedeutungswörterbuch. Wortbildung und Wortschatz. Mannheim/Wien/Zürich: Biographisches Institut, Band 10.

Ronneberger, Franz (1985): Integration durch Massenkommunikation. In: Saxer, Ulrich (1985): Gleichheit oder Ungleichheit durch Massenkommunikation? Homogenisierung – Differenzierung der Gesellschaft durch Massenkommunikation. München: Ölschläger, 3-18.

Rühl, Manfred (1985): Integration durch Massenkommunikation? Kritische Anmerkungen zum Integrationsbegriff. In: Saxer, Ulrich (Hg.) (1985): Gleichheit und Ungleichheit durch Massenmedien. Homogenisierung – Differenzierung durch Massenkommunikation. München: Öhlschläger, 19-33.

Saxer, Ulrich (Hg.) (1985): Gleichheit oder Ungleichheit durch Massenmedien? Homogenisierung – Differenzierung durch Massenkommunikation. München: Ölschläger, 137-150.

Schatz, Heribert/Holtz-Bacha, Christina/Nieland, Jörg-Uwe (Hg.) (2000): Migranten und Medien: neue Herausforderungen an die Integrationsfunktion von Presse und Rundfunk. VS Verlag.

Vlasic, Andreas (2004): Die Integrationsfunktion der Massenmedien. Begriffsgeschichte, Modelle, Operationalisierung. Wiesbaden: VS Verlag.


[1] Roman Hummel hat 1996 in einer Studie die Meinungen von 23 österreichischen KommunikationswissenschaftlerInnen und 16 MedienpraktikerInnen zu verschiedenen, vorgegebenen Definitionen von „Integration“ eingeholt. Die Befragten waren sich nicht einig, die Meinungen gingen zum Teil sehr weit auseinander – auch, was die Integrationsfunktion von Medien betrifft.

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Über Karin Zauner

Freie Journalistin, Kommunikationswissenschafterin

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